Wohn-Kultur im Oktober: Not-Unterkunft, Studentenwohnheim – und die nervigsten Sucher

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Geht so: Feldbett in einer WHO-Unterkunft. Bild: Marvin Graewert

Feldbett im Achter-Zimmer, und Gemütlichkeit im Wohnblock. Was man nicht fragen sollte, wenn es um ein  geht – und wen man auf keinen Fall zur Suche mitbringen sollte.

Tübingen, Waldhäuser Ost. Der Raum macht einen tristen Eindruck. Die Betten stehen sehr nah zusammen, kein Platz an dem man wohnen möchte. Wir kommen uns an diesem Ort ein wenig vor wie in einer Flüchtlings-Unterkunft. Doch es ist die Not-Unterkunft des Studentendorfs WHO, hoch über den Dächern Tübingens. Zwei davon gibt es, in zwei umgebauten Gemeinschaftsräumen. Sie haben jeweils acht Liegen: ein Raum ist für Männer, einer für Frauen.

Wenigstens für das Nötigste ist gesorgt: Es gibt einen kleinen Kühlschrank, ein Waschbecken und eine Toilette. Doch bereits das Duschen kann in so einer Not-Unterkunft zum Problem werden: es wird schlicht nicht angeboten. Zum Glück zeigen sich die übrigen Bewohner eines solchen Wohnheims meist kooperativ und lassen die Not-Unterkünftler ihre Dusche mitnutzen. Not-Unterkünftler: das sind die Studenten, die auch nach intensivster Suche bis zum Semesterstart keine Bleibe gefunden haben. Nur knapp eine Handvoll Leute nutzten die Studentenwerks-Notunterkunft im vergangenen Jahr. Sie sind ein Kontrastprogramm zu der gemütlichen WG-Atmosphäre, wie man sie sich vorstellt. Marius Henneberg, Leiter des Dorfrats WHO, zeigt sie uns bei einer Besichtigung. Der Dorfrat WHO setzt sich aus den Haussprechern der unterschiedlichen Wohnhäuser zusammen. Sie organisieren Feste und sind das Bindeglied zwischen Wohnverwaltung und Bewohnern.

Die Not-Unterunterkünfte werden immer wieder nach Bedarf vom Studentenwerk mit dem Dorfrat organisiert. Wenn man sich erfolglos um einen Wohnheimplatz beworben und eine gültige Zulassung hat, darf man hier für fünf Euro pro Nacht bis kurz vor Weihnachten schlafen. Die meisten Gäste nutzen die Notunterkunft zum Glück nur für wenige Tage – im vergangenen Jahr gab es nur eine Person, die fast die ganze Zeit dort wohnen musste.

Gleich nebenan sieht es schon anders aus: Ortstermin bei Andreas, 25, Lehramt Englisch und Spanisch, achtes Semester. Seit März vergangenen Jahres wohnt Andreas im Studentenwohnheim und tut das gerne. Er hat es sich gemütlich gemacht, hat sogar eine kleine Teeecke im Zimmer. Probleme bei der Wohnsuche gab es bei ihm keine: Andreas hatte sich rechtzeitig beworben, konnte sich die Lage seines Zimmers sogar aussuchen: Ost-Hälfte des WHO-Hauses – mit schönem Blick auf die Schwäbische Alb. Außer guter Aussicht hat das Studentenwohnheim durchaus einiges für ihn zu bieten: Ein geräumiges Bad und eine große Gemeinschaftsküche mit Balkon. Um Möbel musste sich Andreas nicht kümmern: sie werden vom Studentenwohnheim gestellt. Wenn er abends ausgehen möchte, muss er noch nicht einmal unbedingt in die Stadt zu fahren und geht in die bekannte Studentenbar „Kuckuck“.

Tübingen im Oktober – eine Stadt auf verzweifelter Wohnungssuche. Doch nicht nur die Suchenden haben es schwer: Auch WGs, die derzeit Nachwuchs suchen, müssen so einiges über sich ergehen lassen, bis sie ihren Wunsch-Wohnpartner finden. Die Bewerber/innen reichen vom Yolo- Hipster über Hippies zu aufgetakelten 15-Zentimeter-Highheels-Trägerinnen – die sich gleich mal das beste Zimmer sichern wollen.

Neben den üblichen Fragen (Ist der Garten groß genug zum Anbauen?) gibt es auch stets die Frage nach der Qualität der Schalldämpfung des vermieteten Zimmers: Man wolle schließlich Spaß haben, solange man noch jung sei. Andere, und das sind wahre Geschichten, lassen sogar ihr Interesse am Vermieter selbst durchblitzen.

Doch das Schlimmste, so ergibt eine kleine Umfrage unter denen, die sich auskennen, sind weder die Gartenanbauinteressierten, noch die Kontaktfreudigen: Es sind die Bewerber/innen, die mit ihrer Mutter auftauchen. Und das sind einige. Mütter leiten das Gespräch, fragen die WG über die Kehrwoche aus und versuchen – immerhin! – den Mietpreis zu drücken, während das eigene Kind stumm wie ein Fisch daneben steht.

Wer sich hingegen der obigen Spleens, und koste es noch soviel Mühe, enthält und sich zudem noch frühzeitig um ein Zimmer bemüht – der kann auch auf Wohnungssuche in Tübingen weit kommen.

Marvin Graewert & Leonie Schmid

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Marvin Graewert

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