Wie ein Film entsteht

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Alexander Prekas spielt in „Rot sehen“ einen jungen Mann, der sich von seiner Umwelt provoziert fühlt. Alle Protagonisten außer ihm sind in dem Kurzfilm rot gekleidet. Er grün. Bild: 21st CS

Der FLUGPLATZ hat drei Studierenden-Teams getroffen, die in den vergangenen Monaten Kurzfilme gedreht haben: Eine Arbeit, bei der das Ganze stets mehr ist als die Summe seiner Teile.

– von Ines Kunze

 

21st Century Sox: So nennen sich Natalie Lenhof, Tim Richter und Christoph Regli. Die drei jungen Filmemacher studieren Medienwissenschaft – und entschieden sich im vergangenen Semester dafür, im Rahmen einer Vorlesung einen Kurzfilm zu drehen: „Also wir sind drei, junge, super-gutaussehende …“, beginnt die 23-jährige Natalie, ihre Gruppe zu beschreiben. Und bringt damit alle zum Lachen. „Gesucht und gefunden“ hätten die drei sich über die Fachschaft, sagt sie, als sie und Tim schon „voll am Verzweifeln“ waren.

Für die drei war die Aufgabe, zum Thema „Medienkonvergenz und Terror“ ein Drehbuch zu entwerfen. Für das Team gab es noch eine weitere Einschränkung: „Wir wollten keinen Film über Psycho-Terror drehen – weil das gefühlt alle anderen vorhatten“. Also wurde über Monate hinweg am Konzept gearbeitet, organisiert und recherchiert: Durch Dokumentar-Filme sind sie auf die Idee gekommen, einen Terrorfilm aus der Sicht des Täters zu drehen. „Wir haben versucht, uns diesen Radikalisierungsprozess zu erklären, zu verstehen, wie ganz normalen Leute so verblendetet werden können“, sagt der 22-jährige Christoph.

Umgesetzt wurde das, indem genau die Menschen im Film völlig rot gekleidet sind, die aus der Sicht des Protagonisten etwas falsch machen: Sich sehr egoistisch oder sexuell freizügig verhalten. Titel des Films: „Rot sehen“. In dem Moment, in dem der Protagonist von „Rot sehen“ sich entschließt, gegen die „Roten“ zu handeln, bekommt der Zuschauer noch einmal vorangegangene Ereignisse zu sehen, diesmal aus neutraler Perspektive.

Bei den Dreharbeiten von „Rot sehen“ im vergangenen Winter: Neben Prekas Christoph Regli, Tim Richter und Natalie Lenhof von „21st Century Sox“ (von links). Bild: 21st CS

Großes Lob vom Filmteam bekommen die Schauspieler, die unter erschwerten Bedingungen ablieferten: „Es waren damals minus 6 Grad, wir waren alle krank und mussten die Szene mit dem Pärchen in den Kasten bekommen“ erinnert sich Natalie, die im Nebenfach Rhetorik studiert: „Aber als die zwei losgelegt haben, wurde es echt heiß.“ Besetzt wurden die Rollen vor allem durch Freunde und Bekannte: Hauptdarsteller Alexander Prekas ist ein Schulkamerad der 23-jährigen. Während sie sich um Organisation und Regie kümmerte, übernahmen Tim und Christoph Ton und Kamera. Dort mussten dann große Ideen oft den realistischeren weichen: „Wir hätten zum Beispiel gerne einen 360-Grad-Shot drin gehabt“ erklärt der 22-jährige Tim, „aber ohne Schienen geht das einfach nicht“.

Eine Woche war für die Aufnahmen eingeplant, dann sollte die Postproduktion beginnen. Ein ganz schöner Zeitdruck für alle Beteiligten. Vor allem, wenn am ersten Tag Schnee fällt und alles verschoben werden muss. Oder der Film eigentlich fertig ist, aber nicht hochgeladen werden kann – und es dann doch noch in letzter Minute funktioniert.

Zurück zu den Dreharbeiten: Da fehlte immer noch der Ton. Und wieder einmal schlug hier Vitamin B zu. Natalies Nachbar Elias Kowalski hatte vor kurzem die Leitung des Sinfonischen Blasorchesters des Musikvereins Kirchentellinsfurt übernommen. „In einem Anflug von Größenwahn bin ich dann zu ihm gegangen und hab‘ ihn gefragt, ob er uns Beethovens Fünfte arrangieren und einspielen könnte – und er hat gleich gesagt, er komponiert uns auch noch eigene Filmmusik dazu“ erzählt sie.

Ein paar Monate später rückte ein ganzes Orchester im Tübinger Brechtbau an und nahm sechs Stunden lang das auf, was gemischt mit Geräuschen später zur Tonkulisse des Films wurde. Insgesamt, resümiert Christoph Regli, habe er in der Zeit so viel gelernt wie noch nie. Er kann sich als Einziger im Team auch wirklich vorstellen, in Zukunft Filme zu drehen. Spaß gemacht hat die Arbeit am Film allen „auf jeden Fall“. Im Scherz wird vorgeschlagen, das nächste Mal müssten die Beteilgten vorher eine intravenöse Vitaminkur bekommen, damit keiner krank wird– oder man dreht halt einfach in den warmen Monaten, mit mehr Pausen und mehr Zeit. So und so bleiben jede Menge an Anekdoten und Erinnerungen – wie etwa, als das Team auf der Suche nach Drehorten den Westbahnhof unter die Lupe genommen hat: „Wir haben da ganz genau dokumentiert, wann und wie da die Züge kommen, und wie die Schranken heruntergehen – die Leute, die uns beobachtet haben, müssen uns für zumindest merkwürdig gehalten haben“.

 

Die Schmerzen des Schneidens

Wieviel Horrorclown steckt in jedem von uns? Der Kurzfilm „Schísma“ von der Gruppe „Systematics“ vermischt Horror- und Psychothriller- Elemente. Bild: The Systematics

Dennis‘ Freund Louis kommt mit Mia zusammen – worunter die Freundschaft der Jungs leidet. Eines Tages verschwindet Mia. Dennis hilft bei der Suche und hat gleichzeitig Flashbacks, die er nicht einordnen kann. Als er ihnen nachgeht, findet er Mias Leiche – im eigenen Keller.

Das ist „Schísma“. Schísma ist griechisch und heißt Aufteilung oder Spaltung, und ist außerdem der Titel des Kurzfilms, den das Team „The Systematics“ für die Tübinale produziert hat. Die Teammitglieder Christina Binder, Marko Gemovic und Laura Weber waren schon vor dem Filmprojekt befreundet und „sind es im Gegensatz zu manchen anderen Teams immer noch“. Als in einer Vorlesung den drei Studierenden das Angebot gemacht wurde, mit professioneller Unterstützung einen Film zu drehen, waren sie sofort dabei: „ Uns wurde die Möglichkeit geboten, einfach mal zu üben und praktische Erfahrungen zu sammeln – das wollten wir sowieso schon immer mal“, sagt Christina, die wie Laura neben Medienwissenschaften noch Germanistik studiert. Die 24- jährige erinnert sich an die erste Hürde: „Alleine das Finden gemeinsamer Termine, um zusammen an den insgesamt drei Drehbüchern zu schreiben, war eine Herausforderung.“ Und dann mussten Schauspieler gecastet werden. Aber – „Wo findet man Schauspieler?“ sagt Marko: „wir hatten keine Ahnung“. Schließlich gelang es der Gruppe, zwei Schauspieler aus der Spielgruppe Wolfsbühne zu engagieren, den Rest der Sprech- und Statistenrollen übernahmen Freunde. Gedreht wurde Mitte März für eine Woche, und auch dort stießen die Systematics auf unerwartete Probleme: Die Kommunikation mit den Schauspielern lief schief, wichtige Mails wurden nicht gelesen, das Material vom ersten Tag war unbrauchbar.

Stehen im Wald: Marko Gemovic, Laura Weber und Christina Binder (von links) in der Kälte bei den Dreharbeiten zu „Schísma“ in den Wäldern über Tübingen. Danach mussten sie ihr Material kürzen. Ein schmerzhafter Prozess. Bild: The Systematics

„Eigentlich war der Tag nicht als Ausprobiertag gedacht…aber so war es dann eben“, erzählt Marko. Oft habe der 22- jährige mit seinem Team auch einfach auf Zufall und Glück gehofft. „Wir haben zum Beispiel eine Szene im Wohnheim gedreht. Niemand wusste, dass wir da sind und unser Protagonist lief im Dunkeln mit Clownsmaske herum. Wir haben uns gedacht: Lieber entschuldigen wir uns im Nachhinein als vorher nach einer Drehgenehmigung zu fragen.“

Bei der zweieinhalbwöchigen Postproduktion gab es noch einmal „sehr viel seelischen Schmerz“, so Marko, denn das Material musste drastisch gekürzt werden. „Sieben Minuten wären perfekt gewesen, sechs Minuten auch okay. Aber das alles auf fünf Minuten zu reduzieren, war schon hart“. Jetzt werden beispielsweise nicht einmal mehr die Namen der Protagonisten erwähnt, weil anderes einfach wichtiger war.

Würden sie so einen Film noch einmal drehen, ist sich die Gruppe einig, müssten sie anders und konkreter planen – aber das lerne man eben auch aus der Erfahrung. Marko sieht sich in Zukunft aber eher vor der Kamera, und „Hauptsache kein Feinschnitt“ – gerade das findet Christina wiederum, macht Spaß. Laura mag am liebsten die kreativen Prozesse und kann sich vorstellen, künftig als Drehbuchautorin zu wirken.

 

Bei minus 17 Grad versagte die Technik

#JesuisStuttgart: In „The Suspect“ wird ein arabischstämmiger junger Mann nach einem Anschlag als Verdächtiger gehandelt . Bild: Zenit

Wenn das Leben die Kunst imitiert: In „The Suspect“ wird ein arabischstämmiger junger Mann nach einem Anschlag in Stuttgart als Verdächtiger gehandelt und verhört. Doch bald stellt sich heraus, dass die Verdächtigung auf einem Ermittlungsfehler basiert – der echte Täter gesteht die Tat. „Ein paar Wochen, nachdem wir den Film abgegeben hatten, wurde in den Medien ein Anschlag in Münster vermeldet, es wurde über islamistischen Terror spekuliert. Der wahre Täter war dann deutschstämmig und psychisch krank, genau wie bei uns“ erinnern sich Saloua Ameziane und Jennifer Bajrami. Gemeinsam mit Fatih Kesen bilden sie das Team „Zenit“, deren Film als einer von zehn für die Tübinale im vergangenen Mai ausgewählt wurde.

Bis dahin war es ein langer Weg: Erst arbeiteten die drei Medienwissenschaftsstudenten monatelang am Drehbuch und casteten Schauspieler. „Größtenteils haben sich Freunde und Bekannte gemeldet, aber teilweise waren das auch komplett fremde Menschen“ sagt Jennifer, die im Nebenfach Anglistik studiert. Noch bis zum letzten Tag vor Drehbeginn änderte sich die Besetzung, für den Hauptdarsteller musste gleich zweimal ein neuer Darsteller engagiert werden. Dann begann der straffe Drehplan: Innerhalb von vier Tagen wollte das Filmteam alle Szenen im Kasten haben. Die außergewöhnlich kalten Außentemperaturen machten ihnen die Sache nicht leichter: Bei -17 Grad versagte die Technik, und auch extra warme Socken und Tee wärmten nicht wirklich – „der war nach wenigen Minuten auch eingefroren.“ Bei einer nahegelegenen Bowlingbahn hatte Jennifer sich in Voraus erkundigt, ob sie sich in den Drehpausen dort aufwärmen könnten – als sie dort ankamen, war die Bahn geschlossen.

Das Produktionsteam „Zenit“ besteht aus Saloua Ameziane, Fatih Kesen und Jennifer Bajrami (von links). Bild: Zenit

Wie durch ein Wunder gelang es den Studenten, ihre Aufnahmen trotz aller Widrigkeiten im geplanten Zeitraum fertigzustellen. „In der Postproduktion hat uns dann Fatih alle Wünsche erfüllt“ berichtet Saloua über die Arbeit ihres Kommilitonen, der beim Termin mit dem TAGBLATT leider nicht dabei sein konnte. Dankbar seien sie auch für die Unterstützung des Zentrums für Medienkompetenz, denn „wir haben dauernd noch ein Verlängerungskabel oder sowas gebraucht, und uns spontan entschieden, mit drei Kameras statt einer zu filmen. Wenn die nicht gewesen wären…“ Auch die Unterstützung bei der Drehbuchentwicklung sei wertvoll gewesen, auch wenn sie sich teilweise etwas konstruktivere Kritik gewünscht hätten.

Im Nachhinein sei einiges schiefgelaufen: Mal lernte eine Darstellerin den falschen Text, mal pendelten Jennifer, Fatih und Saloua extra nach Tübingen, um dann festzustellen, dass alle Schnittplätze besetzt waren. Insgesamt sei es aber ein großer Lernprozess gewesen, von dem sie in jedem Medienberuf profitieren werden: „Klar ist die Filmbranche spannend, aber auch ziemlich unsicher“, sagt Saloua, „beim Fernsehen ist das vielleicht anders, aber da fehlt mir noch die Erfahrung.“ Auch Jennifer stört, dass ein Job in der Filmbranche aufgrund von unregelmäßigen Arbeitszeiten kaum familienkompatibel ist.

Alle drei dieser Filme kamen in den Endausscheid auf der diesjährigen „Tübinale“, „Rot sehen“ bekam sogar den Preis für die „Beste Idee“. Wer die Filme anschauen möchte, kann das etwa im Internet auf Youtube machen: Alle sind Teil der Aufzeichnung des „Tübinale 2018 Live Stream“-Abends:

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