Wenn der Inkasso-Mann klingelt

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Heiner Gutbrod, Schuldnerberatung für Jugendliche 13.04.16

Jugend-Schuldenberater Heiner Gutbrod. Bild: Metz

Schwarzfahren und Smartphones, schlecht bezahlte Jobs oder gesundheitliche Probleme: Es gibt viele Möglichkeiten, wie man als junger Mensch in die Schuldenfalle geraten kann. FLUGPLATZ sprach mit Jugend-Schuldenberater Heiner Gutbrod.

FLUGPLATZ: Herr Gutbrod, wie landet man schon als junger Mensch in der Schuldenfalle?
HEINER GUTBROD: Das ist immer unterschiedlich. Nur ein Beispiel: Ich habe mal einen ehemaligen Wirtschaftsgymnasiasten beraten, der von Zuhause ein gewisses Niveau gewohnt war. Als er zum Studieren auszog, wollte er dieses Niveau beibehalten – doch das Geld wurde immer knapper. So beschloss er, sich eine Kreditkarte zuzulegen.

Verführerisch.
Ja. Und als der Kreditrahmen der Karte erreicht war, stellte er fest, dass man sich ohne Probleme eine zweite und dritte besorgen konnte. Als dann sein Studium scheiterte, weil er sich aufgrund seiner Sorgen nicht mehr konzentrieren konnte, zog er die Notbremse. Als er zu uns kam, hatte er sogar bereits die Hälfte seiner Schulden zurückgezahlt.

Wissen Sie noch, wie hoch seine Schulden waren?
Um die 9000 Euro. Er beschloss damals, neu zu beginnen. Wollte die Schulden abbezahlen und auch etwas anderes studieren. So arbeitete er ein halbes Jahr bei McDonald’s – und zahlte nach und nach seine Schulden zurück. Im Nachhinein hat er mir gesagt, dass er in dieser Zeit viele Erfahrungen gesammelt hatte.

Wie finden solche jungen Menschen denn zu Ihnen?
Meist versuchen junge Leute zunächst einmal, selbst mit ihren Schulden fertig zu werden. Hilfe von außen holen sie sich oft erst, wenn sie nicht mehr weiterwissen.

Wann ist dieser Punkt der Verzweiflung erreicht?
Ein häufiger Anlass für jungen Leute ist es, wenn sich der Gerichtsvollzieher ankündigt. Viele Menschen empfinden das als sehr bedrohlich – und haben, meist ohne Grund, Angst, verhaftet zu werden. Dann finden sie unser Angebot im Internet oder werden durch Kumpels auf uns aufmerksam, die bei uns positive Erfahrungen gemacht haben.

Spielt der familiäre oder soziale Hintergrund bei der Verschuldung junger Leute eine Rolle?
Ja, schon. Bei Jugendlichen aus Familien mit höherem Einkommen oder einer gehobenen Bildungsschicht wird eine so genannte Erstverschuldung häufig durch die Angehörigen aufgefangen. Wenn solche Jugendliche zu uns kommen, dann eher, weil Ihnen bei der Rückzahlung etwas dazwischen gekommen ist – etwa eine Krankheit.

Liegt die schnelle Verschuldung vieler junger Leute auch an der schlechten Ausbildungsvergütung in manchen Berufen?
Auf jeden Fall. Wenn man nicht gerade in der Metallbranche als ausgelernter Handwerker tätig ist, bekommt man nicht selten so 1200 Euro netto, etwa bei den Friseuren. Versuchen Sie mal, davon eine Wohnung und ein Auto zum Pendeln in Tübingen zu finanzieren. Hat das Auto dann eine Panne und man bräuchte eigentlich ein zweites – dann ist die Grundlage für eine Verschuldung schon geschaffen.

Kommen denn gar keine Studenten zu Ihnen?
Nur sehr selten. Oft sind Studenten durch die Familie oder ihren Bekanntenkreis abgesichert. Sie sind meinst auchsicherer darin, sich im Kontakt mit Unternehmen oder Behörden schriftlich auszudrücken – was ansonsten oft ein großes Problem darstellt.

Dann haben Sie also auch nur wenig mit Studien-Krediten zu tun?
Schon, aber nur vereinzelt. Nach Abschluss des Studiums ist man ja meist bereits älter als 25 – diese Menschen würden also eher zu meinen Kolleginnen in die Beratung gehen.

Studenten sind dennoch oft skeptisch, sich für ihr Studium zu verschulden. Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Studienkrediten?
Die Unterschiede sind sogar sehr groß. Bei der KfW etwa sollte es eigentlich zu keinen Problemen kommen – und falls doch, kann man im Allgemeinen gut mit ihnen reden. Völlig private Alternativen wie die Deutsche Bank hingegen würde ich weniger empfehlen: Die fordern das Geld nach dem Studien-Ende ziemlich direkt zurück, ohne auf die Einkommens-Situation Rücksicht zu nehmen.

Auch abseits der Ausbildungs-Finanzierung sind Kredite und Ratenzahlungen sind bei uns Standard: für einen neuen Fernseher oder ein neues Auto etwa. Finden Sie, man sollte das regulieren, gerade für junge Leute?
Es stellt sich durchaus die Frage, ob es unserer Gesellschafft gut tut, für Konsum- oder Status-Artikel so viel Geld auszugeben. Rein wirtschaftlich gesehen, gibt es aber derzeit kein Problem: In Deutschland liegt die Rückzahlungsquote bei 97,5 Prozent, bei Jugendlichen bei 96,2 Prozent. Wäre die deutlich niedriger, würde sich bei der Kreditvergabe vielleicht etwas ändern.

Sie berichten, dass selbst scheinbar geringe Schulden durchs Schwarzfahren Jugendliche oft in finanzielle Schieflage bringen.
Ich betreue zum Beispiel einen jungen Flüchtling, der unser System mit dem Schwarzfahren nicht verstanden hatte. Als dann die Anzeige mit der Geldstrafe kam, war er zutiefst erschrocken und bat uns um Hilfe. Inzwischen hat er die Geldstrafe abgearbeitet und spart jeden Monat 15 Euro an, um die Schulden vom Schwarzfahren zurückzuzahlen.

Schwarzfahr-Schulden klingen dennoch nicht nach klassischer Hochverschuldung.
Eine Frage der Perspektive – denn es kommt darauf an, wo Sie selbst finanziell stehen. Für Menschen, die von ALG II oder Hartz IV leben, sind 60 Euro sehr viel Geld. Obwohl die Schulden dieses Flüchtlings finanziell eine ganz andere Hausnummer sind, erfordert ihre Abarbeitung für ihn viel Einsatz und Verzicht. Bemerkenswert ist vor allem, dass er die Schulden abbezahlen will, obwohl er noch gar keine dauerhafte Bleibeperspektive in Deutschland hat – und sie ihm im Grunde egal sein könnten.

Wie läuft denn bei Ihnen eine typische Beratung ab?
In aller Regel melden sich die Leute telefonisch bei mir – und dann schaue ich, dass ich mir schon am Telefon einen kurzen Überblick verschaffe. Dann wird ein Termin gemacht mit den Unterlagen. Dann schaut man sich die zusammen an und überlegt, wie es zu den Schulden kam. Wie ist die Perspektive? Wie soll es mit dem Leben weitergehen und welchen Platz haben darin die Schulden?

Sind die jungen Leute, die Schulden machen, denn so ordentlich, dass sie alle wichtigen Unterlagen beisammen haben?
Da haben wir alles. Wir hatten mal jemanden, der kam mit drei vollen Tüten mit Briefen und Rechnungen. Es gibt aber auch welche, die haben gar nichts mehr. Es gibt die, die haben alles akribisch sortiert – und es gibt die, für die hat die Freundin alles akribisch sortiert.

Wie oft treffen Sie sich mit einem Hilfesuchendem zur Beratung?
Das kommt auf die Situation an. Am Anfang treffen wir uns oft recht häufig, weil wir da viel zu tun haben. Wenn jemand am Geldverdienen ist, sollte man zügig den Versuch starten, einen Plan zum Abzahlen zu entwickeln. Wenn ein Mensch noch in der Ausbildung ist, bittet man zum Beispiel die Gläubiger, nochmal ein Jahr Pause zu geben. Wenn das klappt, trifft man sich ein Jahr lang gar nicht mehr.

Wie lange betreuen Sie meistens die Schuldner?
Wenn es schnell geht sind wir nach drei Monaten fertig. Die längsten Verfahren dauern bis über zwei Jahre an.

Wie sind Sie drauf gekommen, eine eigene Jugend-Beratung zu machen?
Das Beratungs-Konzept für junge Leute muss anders sein als für Erwachsene. Jugendliche können nicht neun Monate warten, bis sich eine Lösung für ihr Schuldenproblem auftut. In so einer Zeit ändert sich das Leben junger Menschen oft drastisch. Auch Adressen und Handynummern bleiben oft nicht gleich – und dann gibt es keine Möglichkeit mehr, die jungen Leute von uns aus zu kontaktieren. Und es braucht eine andere Form der Beratung.

Wie können Sie Jugendlichen in der Beratung helfen?
Ein erstes Ziel ist es, die jungen Schuldner und ihre Gläubiger auf eine Augenhöhe zu bringen – sodass auch die verschuldeten Jugendlichen über ihre Rechte bescheid wissen. Wir unterstützen sie dann dabei, mit ihren Gläubigern in Kontakt zu treten und ihre Situation offen zu legen. Damit man dann in Verhandlung treten kann.

Kann es vorkommen, dass die klassischen Inkasso-Mitarbeiter, die das Geld bekanntlich vor der Haustüre eintreiben, auch bei Jugendlichen auftauchen?
Ja, das kommt sicher vor. Junge Leute sind unerfahren und erschrecken mehr als andere. Und Inkasso-Mitarbeiter sind darauf geeicht, mit Angst und Schrecken zu arbeiten – um für ihren Gläubiger ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen.

Könnten Sie als Schuldnerberater dann helfen? Wenn ein Inkasso-Mitarbeiter vor meiner Tür steht und Druck auf mich macht?
Ich würde zunächst mal raten, dass man den einfach nicht rein lässt und ihm sagt, er soll wieder gehen. Sagt, dass man sich mit der Schuldnerberatung in Verbindung setzt und sich gemeinsam mit dieser dann schriftlich meldet.

Ist die Methode, Geld von einem Inkasso-Unternehmen eintreiben zu lassen, nicht unmoralisch?
Die Sache ist so: Der Schuldner hat die Verpflichtung, sich um die Schulden zu kümmern – und mit dem Gläubiger, der ja eine Leistung erbracht hat, in Kontakt zu treten und zu klären, wie der Schaden wieder gut zu machen ist. Viele von denen, die später zu mir kommen, haben da aber auf Granit gebissen oder denken: „Es hat eh keinen Sinn, denn ich hab ja nichts.“ Nicht in Kontakt zu treten, ist aber ein schwieriges Verhalten: Der Gläubiger hat dann das Recht, den Fall an ein Inkasso-Unternehmen abzugeben und gerichtliche Schritte einzuleiten, um den Schuldner zu zwingen. Unmoralisch ist es dann, wenn eine Drohkulisse aufgebaut wird und mehr Angst und Schreken verbreitet wird, als real möglich ist – oder die eigenen Argumente gar kein Gehör finden. Oft wird mit Haft gedroht – was ausgeschlossen ist, wenn man sich rechtzeitig kümmert.

Wenn ich als Schuldner den Inkasso-Leuten vermittle, dass ich mit der Schuldnerberatung in Verbindung stehe: Ist das eine Art Schutz für mich?
Zum einen wissen die: Da geht das jemand wirklich an. Das ist gut und da freuen sich Gläubiger. Schuldnerberatung heißt für manche Inkasso-Unternehmen auch: Der bekommt jetzt Beratung und ist kein leichtes Opfer mehr.

Nochmal das Stichwort Schwarzfahren und Bahn: Da gibt es ja auch Inkasso-Leute …
Ja. Und ich finde, dass die Inkasso-Maschinerie, die mit der die Deutschen Bahn zusammenarbeitet, von der deutschen Rechtsprechung nicht gedeckt ist – und das, obwohl die Bahn ein Staatsunternehmen ist. Meiner Meinung verlangt die Deutsche Bahn zu schnell zu hohe Inkassokosten.

Haben Sie Tipps zur Vorbeugung von Schulden für Jugendliche? Sollen wir einfach gar keine Kredite aufnehmen?
Ich würde niemals generell von Krediten abraten, denn dafür ist unsere Gesellschaft viel zu sehr auf sie ausgerichtet. Wer also beispielsweise von einer bestimmten Wohnungseinrichtung träumt, wird sie kaum ohne Kredit finanzieren können. Entscheidend ist, dass man mit jemandem, der sich damit auskennt, gesprochen hat. Dass man weiß, worauf man sich einlässt. Und dass man mindestens eine Nacht darüber geschlafen hat – und sich danach immer noch hundertprozentig sicher ist.

Interview: Sophia Juraschitz, Stella Reinartz, Hannah May

Nach Zahlen des Bundesamts für Statistik haben junge Leute zwischen 18 und 25 in Deutschland rund 8000 Euro Schulden, wenn sie sich an eine Schuldnerberatung wenden. Geschätzte 30000 Menschen dieses Alters suchen bundesweit jährlich Rat bei Beratungs-Profis. Häufige Ursache sind Rechnungen für technische Geräte. Die Gesellschaft für Konsumforschung hat im vergangenen Jahr festgestellt, dass etwa jeder Dritte Mensch zwischen 14 und 24 schon mal Schulden hatte – 2012 sei das nur jeder fünfte gewesen. Platz Zwei der Gründe nimmt traditionell das Auto ein.

Hier gibt es Hilfe: Heiner Gutbrod berät in der Jugendschuldenberatung Tübingen mit dem Namen „Ausgerechnet“. Sie sitzt in der „Villa Metz“, Hechinger Straße 13, in Tübingen. Gutbrod ist telefonisch erreichbar unter der Nummer 07071 / 930480 und per Mail unter der Adresse ausgerechnet@freenet.de. Infos über das Angebot gibt es im Internet auf der Seite: jugendschuldenberatung-tuebingen.de. „Ausgerechnet“ hat auch eine Facebook-Seite unter gleichem Namen.

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