Was ist ein Blog – und wenn ja, wie viele?

Von am
Roering

Johanna Roering Bild: Uni Tübingen

Die Tübinger Wissenschaftlerin Johanna Roering untersucht die Macht des Blogs, seine Kultur und seine Entwicklung: Sie ist Medienwissenschaftlerin, Kulturwissenschaftlerin und Amerikanistin und arbeitet an der Uni Tübingen. Wir haben die Fachfrau für Neue Medien gefragt, was es mit diesem „Bloggen“ auf sich hat.

 

Alles – oder fast alles – begann mit der „Lewinsky- Affäre“.

Entstanden ist das Phänomen des Blogs Anfang bis Mitte der neunziger Jahre – groß geworden ist es dann aber erst Anfang dieses Jahrtausends. Damals gab es eine eine explosionsartige Verbreitung von Blogs zu verzeichnen. Den Erfolg verdankte es nicht zuletzt seiner Aufklärungsarbeit bei gewissen amerikanischen Skandalen: Die „Clinton-Lewinsky-Affäre“, einer der größten Politskandale der US-Geschichte, erreichte am 17. Januar 1998 erstmals die Medien durch den „Drudge Report“: ein von drei Amerikanern betriebenes Nachrichten-Blog. Auch der Rücktritt des republikanischen Politikers und Senators Trent Lott 2007, der wegen einer rassistischen Rede heftig in die Kritik geriet, war weder das Verdienst der New York Times noch der Washington Post. Es waren die vielen Nachrichtenblogs, die an die Öffentlichkeit brachten und diskutierten, was die großen Medien versäumt hatten.

„The Baghdad Blogger“: Was die Nachrichtenagenturen uns nicht vermitteln konnten.

Während des zweiten Irak-Krieges berichtete ein Blogger unter dem Pseudonym „Salam Pax“ bis wenige Tage vor dem Zusammenbruch des Hussein-Regimes live aus Bagdad. In seinen tagebuchartigen und stark subjektiven Beiträgen sprach er von den Geschehnissen in der Stadt, den Bombenanschlägen in den Vororten, seiner Homosexualität, seinen Freunden, dem Verschwinden von Menschen unter dem Regime. Sein Blog mit dem Namen „Where is Read?“ wurde weltberühmt. Derartige Einblicke, die den Krieg auf die alltäglichen Erlebnisse der Menschen herunterbrachen, konnten die westlichen Standardmedien so nicht bieten. Nachdem sich Salam Abdulmunem als „Salam Pax“ zu erkennen gegeben hatte, veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „The Baghdad Blogger“.

Eine neue Kultur entsteht.

Mit dem Blog entstand nicht nur eine neue Art von Medium: Man kann sagen, dass sich mit dem „Blogging“ auch eine „Blogger-Kultur“ entwickelte. Das Blog hob die die Vorzüge des Internets wie Unmittelbarkeit und allgemeine Zugänglichkeit optimal hervor. In vielen Fällen steht Blogging für Kritik an den etablierten Medien, den Vorwurf an sie, politisch und parteiisch zu berichten. Informationen sollten von nun an vor allem „von unten“ und nicht mehr nur „von oben“ an die Öffentlichkeit gelangen. Gleichzeitig sind vor allem die Blogs an sich auch wieder hoch subjektiv. Und: Die Tübinger Leserbrief-Kultur im TAGBLATT erinnert Expertin Johanna Roering ein wenig an die Blogger-Kultur.

Was neu war: Das Blog vernetzte weltweit.

Das Blog ist anders als etwa eine gewöhnliche Website interaktiv: Es ist kein reines Informationsmedium – die Kommentar- , „blogroll“- und „Trackback“-Funktionen geben ihm Eigenschaften eines auf Dialog angelegten Kommunikationsmediums. Es ermöglichte vielen Menschen erstmals, sich nach (Spezial-)Interessen zu vereinen und Informationen auszutauschen. Schwangere teilten Erfahrungen, aus dem Irak zurückgekehrte Soldaten verarbeiteten Traumata, politische Aktivisten vernetzen sich, um ihr Wirken zu stärken. Gleichzeitig wurden Netzwerke geschaffen: Im „Blogroll“ verlinken Blogger die Blogs von anderen Bloggern – welche wiederum auf andere Blogger hinweisen.

Blogging als Beruf?

Es gibt zumindest einen Freak mit bemerkenswerter Frisur, der durch sein Blog so populär geworden ist, dass er ihm seine jetzigen Einkommensquellen zum Großteil verdankt: Diese Omnipräsenz heißt Sascha Lobo: Er ist einer der bekanntesten Blogger Deutschlands und sieht sich selbst als Kunstfigur des Internets. Neben dem Bloggen schreibt er Bücher und Kolumnen und befasst sich mit allem, was mit Internet, dessen Auswirkung auf die Gesellschaft, und Kommunikation zu tun hat. Es gibt noch weitere ähnliche Beispiele, wo ein Blog etwa die Grundlage eines vermarkteten Buches war, das dann gegebenenfalls auch noch verfilmt wurde. Die Betreiber sehr populärer Blogs können außerdem durch Werbung etwas Geld verdienen, aber so weit muss man erstmal kommen. Dass jemand vom Blogging wirklich „lebt“, so Roering, dürfte die große Ausnahme sein.

95 Prozent aller Blogs dienen der reinen Selbstdarstellung.

Nachrichtenblogs und andere Blogs mit konkreten Themen und Zielen stellen im Netz die Minderheit dar. Die meisten Blogs dienen der reinen Selbstpräsentation, so Roering: Sie beinhalten Persönliches und Privates und haben im Durchschnitt nur 20 Leser. Die allermeisten von ihnen werden von Frauen betrieben.

Internet bedeutet Veränderung.

Im Internet entwickelt und verändert sich alles ständig. In gewisser Weise ist der Blog auch von modernen Sozialen Netzwerken überholt: Man könnte sagen, er ist einer ihrer Vorfahren. „Das Blog ist tot“ wäre allerdings eine falsche Behauptung. Was überholt ist, ist zum einen die Textlastigkeit des ursprünglichen Blogs, aber vor allem die Vorstellung: „Es gibt einen einzigen Ort im Internet, an dem ich mich darstelle.“ Aktive „Netzwerker“ haben heute sowohl ein Blog, als auch einen Facebook- und einen Twitter-Account. Tumbler und Mikroblogging-Plattformen stellen eine Art Mischung aus Blog und Sozialem Netzwerk dar: Sie behalten das ursprünglich kennzeichnende „Tagebuch-Format“ bei, aber nutzen tendenziell sehr kurze Posts und viele Medien – wie Bildern und Videos.

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