Viel Arbeit, wenig Glamour, zwischendurch Trillerpfeifen

Von am
winne

Bild: Catharina Schreiner

Schule – Studium – Schule: Das kann nicht alles sein, fand der Lehrer Winfried Hermann. Heute ist er Verkehrsminister von Baden-Württemberg:  Zeitungslesende Menschen kennen ihn sicher – er ist der Verkehrsminister von Baden-Württemberg und somit zuständig für jegliche Form der Fortbewegung vom Fahrrad bis zur Bahn. Natürlich auch für das Dauerstreitthema Stuttgart 21.

Heute habe ich die Gelegenheit, Winfried Hermann einen Tag lang zu begleiten und so etwas über ihn und seine Aufgaben zu erfahren. Heute ist jedoch kein gewöhnlicher Tag. Sondern Girls’ Day. Und da auch die Ministerien ein ziemliche Männerdomäne sind, dürfen heute einige Mädchen in diese Welt „reinschnuppern“.

Schwimmen gehen? Keine Chance

Mittagessen gibt es im Büro des Ministers. Ein lichtdurchfluteter weitläufiger Raum, mit tollem Blick auf Stuttgart. Einige Stühle sind unregelmäßig darin verteilt. Weniger Stühle als Mädchen, wahrscheinlich um eine dynamische Atmosphäre zu kreieren, doch leider klappt das nicht so richtig. In Windeseile haben sich die Girls auf die Stühle geflüchtet, jeweils eine bis drei Freundinnen auf dem Schoß, und mümmeln zaghaft an ihrer Brezel. Fragen an den Minister haben sie nicht. Ah, unangenehm. Ich beschließe, ein paar meiner Interviewfragen rauszuhauen, um die Situation ein wenig aufzulockern. Auf der Hand liegt die Frage, wie es denn mit der Fortbewegung des Ministers aussieht. Radelt er, wie unser Oberbürgermeister, oder bevorzugt er das Auto? Und wie sieht es mit der Fliegerei aus, lässt sich das denn überhaupt mit dem Anspruch auf eine grüne Lebensweise vereinbaren?

So erfahren wir, dass das Ministerium ein Elektroauto hat, mit dem Hermann meistens unterwegs ist. Nach Berlin in den Bundesrat fliegt er, weil sechs Stunden Zugfahrt nicht drin sind. Aber es werden Projekte gefördert, die den CO2-Ausstoß verringern.

Langsam werden auch die Girls warm. Eine interessiert der typische Tag von Winne Herrmann. Tja, es gibt keine Routine. Aber die Tage setzen sich aus vielen Telefonaten, Pendeln zwischen Berlin und Ministerbüro in Stuttgart, Presse- und Regionalkonferenzen, Veranstaltungen und Eröffnungen zusammen. Es ist keine Besonderheit, wenn Winfried Hermann erst abends um 22 Uhr das Büro verlässt und samstagmorgens vor dem Frühstück nochmal hingeht, um zu arbeiten. Klingt ziemlich hart. Minister sein ist wohl nicht so glamourös, wie man vielleicht meinen könnte.

Im persönlichen Interview erfahre ich mehr. Der „Prominentenstatus“ hat zur Folge, dass Winfried Hermann im Sommer nicht mit seiner Tochter baden gehen kann, weil irgendwer irgendwelche Fotos schießen könnte und man die Schlagzeile „Minister Hermann badet lieber statt zu arbeiten“ einfach nicht riskieren kann.

Auf der Straße wird er häufig angesprochen. Das ist ihm aber lieber, als wenn die Leute betreten wegschauen, wenn sie ihn erkennen, und anfangen zu tuscheln. „Hasch g’sähe, da war d’r Minischter.“ Da ist ein offenes „Hallo, Herr Hermann“ schöner, oder wenn jemand herkommt und meint, „Ich hab’ das in der Zeitung gelesen, was die Soundso-Partei wieder veranstaltet, Ohren steif halten!“

Ansonsten hat er leider nicht so viel Zeit, um sich auf der Straße mit Bürgern auszutauschen – aber es gibt verschiedene Kanäle, wie Bürgerinitiativen oder Facebook, durch die er erfahren kann, wie die Stimmung im Volk ist. Außerdem lädt er regelmäßig bestimmte Gruppen ins Ministerium ein, Taxifahrer beispielsweise, oder LKW-Fahrer. Dann kann man darüber reden, was gut ist, was nicht, was man ändern kann.

Winne Hermann trägt Anzug, aber auch einen Ohrring. Er ist in einer politischen Spitzenposition, war aber auch schon früher politisch engagiert, ohne die Karriere im Blick zu haben. Als Klassensprecher und Schulsprecher für die Mitschüler, als Student gegen die AKWs, gegen den Kriegsdienst. Winfried Hermann war eben nicht immer Minister Winfried Hermann. Sondern erstmal ein ganz normaler Lehrer, für Deutsch, Politik und Sport. Und obwohl er gerne Lehrer war, wusste er, dass es bei ihm irgendwann über den Horizont eines Schulhauses hinausgehen sollte. Schule – Studium – wieder Schule: Das konnte nicht alles sein.

Warum der Job trotzdem Spaß macht

Also in die Politik, an der er das Mitgestalten schätzt, auch wenn es oft mühselig ist. Und dass er viel sieht und kennenlernt: Krankenhäuser, Flughäfen, Bahnhöfe, Tunnels – und natürlich die Menschen, die dort arbeiten. Demokratische, gute Arbeit leisten, etwas voranbringen, auch wenn die Polemik, die Unsachlichkeit, die Borniertheit mancher Politiker ganz schön nerven könne. Winfried Hermann wirkt souverän, dabei aber niemals arrogant. Er ist keiner Frage ausgewichen.

Die Pressefrau schaut mahnend auf die Uhr. Für den Rest des Tages bin ich stille Beobachterin. Ich nehme an der Pressekonferenz zu den Straßenprojekten teil, wo besonders die B 29 für Ärger sorgt, wie ich heraushöre. Ich bin mittlerweile so müde und geschwächt von der Hitze und der Büroluft, dass ich mitten in der Konferenz gegen den Schlaf kämpfe. Mein Sitznachbar hat Mitleid mit mir und schenkt mir Kaffee ein.

Dann beginnt die Regionalkonferenz. Ich gehe in Schwärmen wütender Mögglinger unter, die mit Trillerpfeifen und gelben Hütchen sowie Signalwesten ihr Straßenbauprojekt fordern. Nur doof, dass es momentan irgendwo an 17. Stelle der Prioritätenliste rumdümpelt, und man, um alle Maßnahmen zu finanzieren, 47 Milliarden Euro parat haben müsste. Winfried Hermann hat nur drei. Die Konferenz muss kurz unterbrochen werden, denn neue Schwärme trötender Pflaumlocher und Trochtelfinger strömen herein.

Dieser Abend wird lang. Die Konferenz ist bis 21 Uhr geplant, aber es wird später werden, soviel steht nach 45 Minuten bereits fest. Nach einer weiteren halben Stunde verlasse ich den Saal so unauffällig wie möglich, klau’ mir eine Brezel vom Büffet und verlasse Winfried Hermanns Welt, die Welt der Politik.

 

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Catharina Schreiner

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