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„VK“ statt Facebook: In Belarus bloggt und chatted man rund um die Uhr. Auch Kinder machen eifrig mit – und FLUGPLATZ-Autor Beat Seemann auch.

„VK“ statt Facebook: In Belarus bloggt und chatted man rund um die Uhr.

„Ja, wir haben Internet“. Das war die Reaktion einer Freundin auf die Frage zum Thema Internet in Belarus. Und ja: Für viele Menschen in Deutschland ist Belarus ein unbekanntes Stückchen Erde. Dennoch ist auch hier das Internet angekommen, und zwar in seiner vollen Bandbreite.

Zensur habe ich selbst noch nicht erlebt, und auch meine Gesprächspartner bestätigen mir, dass sie auf fast alle Inhalte im Netz Zugriff haben. Oppositionelle Seiten sind aufrufbar, wenn auch immer wieder einige von ihnen von der Regierung geblockt werden. Immer mehr regimekritische Homepages bleiben online, auch internationale Nachrichten sind frei zugänglich.
Allgemein ist es ratsam, sich weder im Netz noch auf der Straße politisch zu äußern. Auch ich habe schon manchmal Google-Meldungen bekommen: Diese Seite sei momentan nicht aufrufbar, es tue dem Konzern leid, mehr Informationen bei der Google-Hilfe. Meist passiert mir so etwas mitten am Tag, wenn ich gerade ein Thema für meinen Deutschkurs heraussuche. Dann stöbert der Staat wahrscheinlich mal wieder in meinem Browserverlauf. „Aber wir können sogar verbotene Filme gucken und kritische Gedichte lesen“, erzählt mir Dascha, eine meiner Bekannten, grinsend.

Auch wenn das Internet nicht zensiert ist, fühlen sich viele junge Menschen verunsichert beim Versuch, sich friedlich und aktiv in die Zivilgesellschaft einzubringen. Die Angst vor dem Staat ist immer da. Eines ist sicher: Es gibt Internetgesetze. Nur welche, ist mir schleierhaft geblieben.
Hier gibt es für alles Gesetze: Auch eines, welches den Informatikunterricht an Schulen regelt – doch Internetbildung ist im Lehrplan nicht vorgesehen: „ Die Computer waren nur ans interne Netzwerk angeschlossen, Internetverbindungen gab es soweit ich weiß keine“, meint Yana.
Wie man jedoch ins Internet kommt, haben auch Schüler/innen hier bereits vor Beginn des Informatikunterrichts herausgefunden. Der Grund dafür hat einen Namen: VKontakte. Das soziale Netzwerk ist die am meisten aufgerufene Seite in Belarus. Der Unterschied zu Facebook ist minimal, die meisten Nutzer stammen aus ehemaligen Sowjetrepubliken. In meinem Bekanntenkreis kenne ich eine Person, die VK nicht nutzt. Kinder melden sich bereits mit zehn Jahren an und chatten Tag und Nacht. Viele loggen sich erst gar nicht aus und bleiben per Handy dauervernetzt.

Auch ich konnte mich nicht vor dem „VK-Boom“ retten. Zwei Wochen nach meiner Ankunft hatte ich ein Profil, das ich regelmäßig nutze. Doch um sich über eine Person zu informieren, muss man auch in Belarus nicht für einen Geheimdienst arbeiten: Ein Blick auf die VK Seite reicht oft, um fast alles über eine Person herauszufinden.
Vor allem junge Frauen sind anfällig für den Präsentationswahn: 30 Porträtfotos, teilweise in freizügigen Posen, sind Standard. Trotzdem wird natürlich nicht alles im Leben online dargestellt. Meist sind es Party- oder Urlaubsfotos. Die werden vom heimischen Rechner oder von unterwegs aus per Handy hochgeladen. Internet ist schließlich nicht teuer: Für eine Handy-Flatrate zahlt man gerade einmal fünf Euro im Monat.
So starren auch hier die meisten Menschen dauernd auf ihr Smartphone – schließlich passiert sekündlich etwas unglaublich Relevantes. Nicht nur unterwegs, auch Zuhause hat fast jeder in der Hauptstadt kabellosen Zugang zum World Wide Web. Auf dem Land ist die Situation ähnlich: Fast alle Jugendlichen surfen täglich stundenlang in die große weite Welt.
„Meine Mutter hat sich am Computer alles selbst beigebracht, sie nutzt Skype und Odnoklassiki zur Kommunikation mit Freunden und recherchiert für ihren Unterricht. Mein Vater guckt Filme und liest Nachrichten“, erzählt mir Dascha. Als ich beim Wort „Odnoklassiki“ stutze, ergänzt

Julija: „Das ist ein weiteres soziales Netzwerk – hauptsächlich für unsere Elterngeneration, so ab 40.“ Grinsend fügt sie hinzu: „Mein Vater weiß dennoch nicht, wie man einen PC anschaltet.“ Internetcafés im Jahr 2014: Fehlanzeige. Heute haben viele Cafés kostenloses WiFi – und jedes Grundschulkind ein Smartphone. „Wenn ich Freunden sagen würde, dass ich heute ins Internetcafé gehe, würde das große Verwunderung hervorrufen“, meint Julija. So zeigt sich alles in allem, dass Belarus beim Internet doch ein Land wie jedes andere ist.

Von Beat Seemann

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Wer ich bin? Schwer zu sagen. Ich bin ein dauerhaft neugieriger, wissbegieriger und aktiver Mensch der irgendwo in dieser Welt herumschwirrt und ganz viele Erfahrungen sammelt und Menschen trifft. Seit einer halben Ewigkeit schreibe ich für Flugplatz und blogge auf meinem eigenen Blog www.beatofmylife.wordpress.com