Streiten als Leidenschaft

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Justus Raimann
Bild: Wegner

Debattieren, und das auch noch vor Publikum: Für Justus Raimann ist das kein Problem. Im Gegenteil. Er besucht dafür sogar regelmäßig Treffen eines Vereins.

– von Annabelle Wegner


Seit 2001 gibt es den Verein Streitkultur in Tübingen. Die Idee dazu wurde auf dem Rücksitz einer A-Klasse, auf dem Nachhauseweg von Berlin, geboren. Michael Hoppmann, Bernd Rex und Ansgar Kemmann waren in der Hauptstadt auf einer spannenden Debatte gewesen – und wollten in Zukunft auch in Tübingen debattieren. Aus drei Mitgliedern wurden ganz schnell 97. Einer von ihnen ist seit Oktober 2015 der 21-jährige Justus Raimann. Er studiert Politik- und Geschichtswissenschaften im vierten Semester.

Justus ist auf den ersten Blick ein ruhiger Typ, mit dunkelbraunen Haaren, mittelgroß, ein Brillenträger. Kommt er dann allerdings einmal in einen Redefluss, merkt man sofort seine Affinität zum gesprochenen Wort. Am Debattieren gefällt ihm vor allem der Wettstreit und das Argumentieren auf eine, wie er sagt, schlaue Art und Weise. „Rhetorisches Können und das Verwenden von Sprachbildern sowie eine ausdrucksvolle Gestik und Mimik sind wichtig, um andere Menschen zu überzeugen“, glaubt der Student.

Auch im Alltag sei ihm das viele Debattieren von Vorteil: „Ich rede nicht mehr so viel um den heißen Brei herum, sondern komme schneller auf den Punkt“, sagt er lachend. „Außerdem ist mein Auftreten selbstbewusster geworden“. Alle zwei bis drei Wochen gibt es für die Mitglieder von Debattierclubs die Möglichkeit, die rhetorischen Fähigkeiten auszupacken und sich in der Kunst des Redens und Überzeugens zu messen. Bei 26 solcher Wettbewerbe war Reimann schon dabei. Einer davon war die „European Universities Debating Championship“, die 2016 in Warschau stattfand.

Der Student liest sehr viel in seiner Freizeit. Um auf Wettbewerbe vorbereitet zu sein, informiert er sich über politische und soziologische Themen. Ein erfolgreiches Mitglied des Debattierclubs habe ihm mal geraten: „Jeden Tag sklavisch fünf Wikipedia-Artikel lesen, ist der beste Tipp für Erfolg beim Debattieren.“

Ob debattieren old school ist? Justus verneint entschieden. Die Debatten sind nah am aktuellen Geschehen und behandeln präsente Fragen. Meinungsbildung und die kritische Auseinandersetzung mit wichtigen Themen, die alle bewegen, sind und werden auch in Zukunft von großen Bedeutung bleiben, sagt er.

Jede Woche Dienstag trifft sich der Debattierclub „Streitkultur e.V.“ um 20 Uhr im Hörsaal 4 der Neuen Aula. Hier üben die Mitglieder das Debattieren in ungezwungener Runde. Speziell für Erstis wird es im Wintersemester auch wieder Einsteigerprogramme geben.

Zu Gast beim Debattier-Finale in Tübingen:

Gibt es einen gerechten Krieg? Sollen Eltern das Erbgut ihrer Ungeborenen entschlüsseln können? Themen, über die jüngst beim Zeit-Debatten-Finale in Tübingen heiß debattiert wurde. Zwei Teams mit jeweils drei Personen und drei unabhängige Redner hatten sich nach einem dreitägigen Redewettstreit fürs Finale qualifiziert. Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland, das Finale trugen zwei Teams aus Heidelberg zwischen sich aus. Diese bekamen dort 15 Minuten vor Beginn das Thema mitgeteilt. Wer die Pro- und wer die Kontra-Seite vertreten muss, wurde gelost. Das Thema des Finales lautete: Sollte die Strafhöhe vor Gericht durch eine Software verbindlich festgelegt werden? Nachdem sich die Team beraten hatten, ging es los. Ich selbst bin Debatten-Neuling und war deshalb erstaunt über die Souveränität und Wortgewandtheit, die die Sprecher an den Tag legten: Man merkte nicht, dass sie nur 15 Minuten Zeit hatten, um eine jeweils siebenminütige Rede über den nicht zwangsläufig der eigenen Meinung entsprechenden Standpunkt vorzubereiten. Auch die ständigen Zwischenrufe der Gegenseite waren für mich zunächst irritierend – doch die Redner ließen sich nicht aus dem Konzept bringen. Die Zuschauer fieberten mit und bekundeten mit bekräftigendem Klatschen und Klopfen Zuspruch. Eine achtköpfige Jury, darunter Landtagspräsidentin Muhterem Aras,
kürte den Sieger.

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