Smartphone-Selbstversuch, Teil 3: Ich nerve, also bin ich!

Von am

Bild: Metz

Das Handy hupt. Durchdringend. Während ich das Teil hektisch unter einem Stapel Notizpapier hervorziehe, frage ich mich, wer es so wahnsinnig eilig hat mich zu erreichen. Da fällt
mir wieder ein: Es ist ja genau anders herum! Ich habe heute Vormittag nämlich mit einigen (oder sagen wir besser: mit einigen sehr vielen) Nachrichten für offensichtliche Verwirrung gesorgt.

– von Shamana Ebinger


Ich öffne den Chat von vorhin.
„Oh du lebst noch!“, heißt es gleich am Anfang.
Ich grinse – und ja, ich gebe zu, dass ich nicht gerade gut darin bin, Nachrichten direkt zu beantworten. Nicht aus böser Absicht, sondern aus dem einfachen Grund, dass ich …
1. … entweder mein Handy mal wieder verlegt habe, der Akku leer ist und ich es deshalb auch nicht durch Anrufen von dem Handy meiner Mutter wiederfinden kann.
2. … oder ich in der Eile total vergesse, dass ich ja antworten wollte.
Der heutige Selbstversuch, das Handy ausnahmsweise nicht unter Büchern, Wäsche oder Stiften zu begraben, sondern es dafür zu
benutzen, wofür es eigentlich
vorgesehen ist, hat also bereits begonnen.
Ich scrolle durch die erhaltenen Nachrichten: „Ist alles in Ordnung?!“, schreibt eine meiner Freundinnen vorsichtig.
Als ich unschuldig antworte, warum denn nicht alles in Ordnung sein sollte, kommt sofort die Antwort: „Naja, du hast heute ungefähr so viel geschrieben wie in den
letzten   Monaten  zusammen. Sagen wir mal so: Es ist wahrscheinlicher, dass ich an einem Freitag Abend nichts trinke (was extrem unwahrscheinlich ist).“ Ich grinse schon wieder.
Doch erstmal der Reihe nach.
Oktober, 7.30 Uhr. Ich stehe auf und überlege. Da war doch irgendwas? Etwa zehn Minuten später, bei der ersten Tasse Kaffee, fällt mir wieder ein, dass ja heute der Tag des Handy-Selbstversuches ist. Also mache ich mich noch leicht
verschlafen auf die Suche nach meinem Handy. Brauche einige
Minuten, bis ich es schließlich unter einer leeren Cookie-Schachtel
hervorziehe.

8 Uhr. Noch immer nicht vollkommen wach. Ich schreibe zuerst einigen Freunden, dann Familienmitgliedern. Mir fallen auch wieder die versprochenen Bilder ein, die ich meiner Tante nach dem letzten
Familienfest schicken wollte. Das ist schon ein paar Wochen her (oder waren es Monate?). Also schicke ich munter die halbe Foto-Mediathek an meine Verwandten. Mit kurzen Zwischenstopps an Waschmaschine, Wasserkocher und Kaffeemaschine wird fröhlich weitergetippt.
Kurz nach 10 Uhr. Mir wird klar, dass ich mich überhaupt nicht wohlfühle. Ich hab keine Ahnung mehr, was ich schicken oder schreiben soll. Ich beschließe, eine Pause zu machen.
Pause.
Um 13 Uhr öffne ich die Chats.
Unfassbar.
Offensichtlich besteht einiges an Gesprächsbedarf.
Beispiel:
– „Bist du entführt worden? Haben Aliens dein Handy an sich gerissen?“, fragt jemand.
– „Nö, wieso“, antworte ich: „Ich dachte, ich hole die Nachrichten der letzten Monate nach, die ich dir versprochen habe.“
– „Du hast echt einen Vogel. Du würdest sagen, wenn du Hilfe brauchst? Ist das so ein getarnter Hilferuf? Hab ich was verpasst?“
Ich lache.
– „Moment mal, ist das ein
Selfie, das du mir da eben geschickt hast? Es geschehen noch Wunder …“
– „Nicht witzig“, antworte ich grinsend.
– „Beweg dich nicht vom Fleck, bin in wenigen Stunden da …“, kommt die Antwort. Da ist offensichtlich jemand besorgt.
– „900   Kilometer    sind   bisschen viel für ein einziges Selfie“, merke ich an.
– „Es muss was passiert sein. Erst SCHREIBST du, also ich meine du SCHREIBST!!! Was an
sich schon an ein kleines Wunder grenzt, und dann schickst du auch noch ein Selfie. Das machst du nie. Nie. Lass mich raten: Du hast ne Wette verloren?“
– „So in etwa“, antworte ich.
– „Ich nehme gerade das Selfie unter die Lupe, vielleicht gibt es da einen Hinweis. Vielleicht bist du entführt worden und das ist ein Hilferuf?“ Inzwischen finde ich den Versuch nach anfänglichem Unwohlfühlen doch ziemlich lustig. Tatsächlich werde ich an diesem Tag noch oft gefragt, ob ich Hilfe brauche – was mich dann doch nachdenklich macht.
Es ist 14 Uhr, ich koche und mache fröhlich Fotos.
– „Sag jetzt nicht, dass du kochen kannst? Sieht auf jeden Fall halbwegs genießbar aus“, kommt die Antwort einer Freundin. Na vielen Dank auch.
Bis zum Abend muss ich mich immer wieder regelrecht dazu zwingen, eifrig weiterzuschreiben. Aber irgendwann ist mir das einfach nur noch unangenehm. Als es dann 20 Uhr ist, beginne ich für mich ein Fazit zu ziehen: Ich habe mich definitiv ziemlich unwohl gefühlt dabei, den ganzen Tag aktiv am Handy zu sein. Insgesamt war der Versuch aber ein spannendes und vor allem mit viel Humor verbundenes Erlebnis. Irgendwann am späteren Abend kläre ich die unfreiwilligen „Testpersonen“ auf. Das sorgt noch einmal für offensichtlich viel Gelächter.

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