Smartphone-Selbstversuch, Teil 2: die Smombie-Existenz

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Es ist Montag, 30. Oktober, morgen ist Halloween. „Gehst du weg?“, fragt mich jemand. „Keine Ahnung“, sage ich. „Ich hab’ auch kein Kostüm oder so.“ – „Nimm doch dein Handy mit und geh als Smombie!“ ist die nicht ganz ernst gemeinte Antwort. Als was?

– von Ines Kunze


„Smombie“ wurde 2015 zum Jugendwort des Jahres gewählt. Gemeint sind Menschen, die so sehr auf ihr Smartphone fixiert sind, dass sie wie Zombies durch die Gegend laufen: total abgeschirmt von der Umgebung. Bis vor kurzem dachte ich, das Wort benutzt niemand ernsthaft. Doch dann saß ich mit drei weiteren mir fremden Menschen am Bahnhof auf einer Bank und wartete auf meinen Zug. Ein älterer Herr wollte sich unbedingt zu uns setzen und forderte uns auf, zusammenzurücken. Als wir der Bitte nachgekommen waren, war der Körperkontakt so groß, dass fast alle zum Handy griffen, um einen Fixpunkt für ein wenig Privatsphäre zu finden. Daraufhin bezeichnete uns der Mann als „Smombies“ – und steckte sich eine Zigarette an.
Auch Honululu hat etwas gegen Smombies: Wer in Hawaii künftig beim Straßenüberqueren ein Handy benutzt, muss mit Geldstrafen rechnen. Der „Postillon“ titelt: „Smartphone-Nutzer legt sich Blindenhund zu, um nicht mehr auf Verkehr achten zu müssen“.

Ist es wirklich so schlimm um die „Generation Smartphone“ bestellt? Fast jeder im Bekanntenkreis kennt „diese eine Person“, die ihr Mobiltelefon nie aus der Hand legt, fast jeder hat schon einmal ein Paar im Restaurant beobachtet, das die Augen mehr auf dem Bildschirm als beim Partner hat. Andere meinen, inzwischen sei Handykonsum keine Generationsfrage mehr: Ältere Menschen seien teilweise viel handysüchtiger. Aber wie ist das eigentlich: den Tag als Smartphone-Dauernutzer zu verbringen?
Tag 1: Morgens habe ich noch E-Mails gecheckt, nebenbei sämtliche Newsfeeds aktualisiert. Dann vergesse ich die Zeit, verlasse im Stress das Haus und merke im Bus, dass ich mein Handy liegen gelassen habe. Naja, denke ich – dann machst du das Experiment eben morgen. Als ich nach Hause komme, sehe ich, dass mir am Vormittag vom Uni-Sport eine Mail geschickt wurde, dass ein Platz im gewünschten Angebot frei geworden ist. Als ich jetzt, Stunden später, auf den Link klicke, ist der Platz schon weg.
Tag 2: Zweifach habe ich überprüft, dass mein Handy tatsächlich eingepackt ist. Der Smombie-Tag kann losgehen! Ich laufe mit dem Handy in der Hand herum, wiederstehe dem Drang, hochzugucken und Leute zu grüßen. Ich scrolle in Gesprächen immer wieder in belanglosen Nachrichten herum. Als ich den Blick hebe, fällt es mir schwer, nicht zu lachen. Merken die denn nicht, wie aufgesetzt mein Verhalten ist!?
Aber nein, keine Reaktion. Als ich einige Tage später nachfrage, will niemand etwas bemerkt haben. Ich dagegen bekomme nur die Hälfte mit, vergesse einen Termin, bin unkonzentriert – es ist, als ob mein Gehirn einfach nicht beide Welten auf einmal verarbeiten kann. Dabei wird der virtuelle Inhalt immer langweiliger. Mit der Zeit sind alle Nachrichten beantwortet, alle Bilder geliket, alle Pläne geplant. Immer wieder die selben Posts. Fast bin ich erleichtert, als mein Akku nach ein paar Stunden den Geist aufgibt.
Tag 3: Mit Handy und Ladekabel bewaffnet, nehme ich mir vor, die Dauernutzung heute durchzuziehen. Am Anfang ist es ganz angenehm: Ich sitze in einem Seminar, in dem ich niemanden kenne, die Dozentin ist noch nicht da. Jeder außer mir scheint einen Gesprächspartner zu haben. Ich hole mein Handy aus der Tasche, texte mit einer Freundin – und gleich ist die Situation angenehmer. Später am Tag verbietet ein Dozent sämtliche elektronischen Geräte in der Vorlesung. Ich stecke das Handy brav weg. Keine zehn Minuten später lande ich im Netz, auf einem „Ist das hier langweilig“-Selfie: Anscheinend bin ich trotz meines Experiments abstinenter als meine Kommilitonen.
Den Abend verbringe ich tatsächlich als Smombie und vernachlässige dafür meine Vorsätze, was gesunde Ernährung angeht. Aber viel mehr als Spritzgebäck von Gut&Günstig mit WG-gezapftem Leitungswasser in der Pfandflasche lässt sich eben nicht kaufen, zubereiten und essen, wenn man gleichzeitig am Handy hängt. Mir wird bewusst, wie viel Energie verloren geht, wenn man sich der Handysucht hingibt. Dann vibriert mein Handy: Ich habe ein Foto von Katze und Schwester aus der Heimat geschickt bekommen. Generation Smartphone eben.

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