Smartphone-Selbstversuch, Teil 1: die Null-Diät

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Es ist ein Mittwoch im Oktober, 9.30 Uhr. Ich bin auf dem Weg zur Uni. Mein Handy gibt den (von mir verhassten) Warnton des Abschaltens von sich: zu wenig Akku. Mist, für heute hatte ich den Selbstversuch, einen Tag ohne meinen treuen Begleiter zu sein, eigentlich nicht geplant. Aber was soll’s.

– von Annabelle Wegner


Die erste Schwierigkeit nach dem shutdown ist, ohne mein schlaues Gerät zu wissen, wo genau überhaupt meine Vorlesung stattfinden soll. Zum Glück treffe ich auf dem Weg eine Kommilitonin, die gleich mit mir Uni haben wird. Die nächste Herausforderung: ohne Google Maps eine mir nicht bekannte Straße finden. Ein Ding des Unmöglichen, eigentlich – aber auch hier stellen sich die Menschen um mich herum als gute Wegweiser heraus.
Die Abendplanung hingegen, die wie immer kurzfristig noch am selben Tag über WhatsApp und co. beschlossen wird, geht natürlich völlig an mir vorbei. Ich beginne, nervös zu werden: Was geschieht gerade online, während ich hier mit einem toten Handy sitze? Das Gefühl der Ausgeschlossenheit und die Angst, etwas zu verpassen, machen sich breit. Ich spiele tatsächlich mit dem Gedanken, in einer kurzen Pause in Rekordgeschwindigkeit nach Hause zu laufen, um mein Ladekabel zu holen – bleibe dann allerdings doch konsequent.

Während der nächsten Vorlesung bin ich viel aufmerksamer. Ich hab ja auch keine andere Möglichkeit als zu zuhören. Normalerweise spiele ich die meiste Zeit an meinem Handy herum, scrolle durch Instagram und Facebook – aber heute habe ich keine Alternative, mich abzulenken. Ich kritzle ein wenig in meinem Notizbuch herum und bekomme große Lust zu malen. Vielleicht steigert Handyabstinenz ja die Kreativität?

Langsam wandelt sich das Gefühl des Unwohlseins zu einer Befreiung, Ich bin konzentrierter, wenn ich nicht jede freie Pause damit verbringe, auf den rechteckigen Bildschirm zu starren. Ich bin nun für einige Zeit nicht erreichbar, und das ist auch gut so. Keine Anrufe, keine Nachrichten, keine Neuigkeiten. Ich betreibe Handy-Detox – zumindest für den heutigen Tag.
Wann kommt eigentlich der nächste Bus? Ich weiß es nicht, und den digitalen Fahrplan kann ich auch nicht eben mal schnell abrufen. Heißt also zur entsprechenden Bushaltestelle laufen und abwarten. Warten, das habe ich völlig verlernt, bei jeder Möglichkeit, die sich ergibt, möchte ich mein Handy zücken, um die vier, fünf Minütchen zu überbrücken. Ich will kurz meine Nachrichten checken, eine lustige Situation über Snapchat teilen oder auf Facebook die neusten Postings lesen. All das: nicht möglich. Es ist ein seltsames Gefühl, einfach nur dazustehen und nichts zu tun.
Ich will mir gerade meine Kopfhörer ins Ohr schieben, um ein wenig Musik zu hören, doch noch während meiner Handlung realisiere ich, dass mit meinem Handy auch meine Musikhörmöglichkeit abgeschaltet wurde. Der Heimweg ist dementsprechend langweilig.
Um 20.30 Uhr betrete ich das Haus, laufe in mein Zimmer und reanimiere meinen kleinen Freund und Helfer. Ich habe 40 Nachrichten in 7 Chats auf Whatsapp, 14 Nachrichten auf Telegramm, 6 neue Mails. Ich atme erleichtert durch. Es werden erstmal drölf Updates durchgeführt, als ob sich auch mein Handy von der ungewohnt langen Abgeschnittenheit erholen müsste. Meine Verbindung ist aufrecht, ich bin wieder erreichbar.
Wir sind süchtig nach unseren Handys. Laut einer Studie unterbrechen wir rund 88 Mal am Tag unsere Handlungen, um auf unser Smartphone zu schauen. Die Angst, online etwas zu verpassen, hat sogar bereits einen eigenen Namen samt Wikipedia Eintrag: FOMO, the Fear of missing out. Es gibt anscheinend viele Menschen, die von ihr betroffen sind, laut Definition beschreibt „das Phänomen die zwanghafte Sorge, eine soziale Interaktion, eine ungewöhnliche Erfahrung oder ein anderes befriedigendes Ereignis zu verpassen und nicht mehr auf dem Laufenden zu bleiben.“ Ich kenne diese Angst nur zu gut: Besonders an diesem Tag ohne mein Handy, habe ich sie stark gespürt.
Nach kurzer Zeit der Glückseligkeit des Wieder-Online-Seins wird mir klar, wie traurig es ist, dass die meisten Menschen zu solch kleinen Gerätschaften in eine Art Abhängigkeit treten. Man muss sich nichts mehr merken, kann alles kurzfristig klären, braucht keinen MP3-Player mehr und kein geografisches Wissen der eigenen Stadt. Ob das wirklich nur ein Fortschritt ist, der mit dieser Erfindung einhergeht? Ich weiß es nicht. Irgendwann werden unsere Smartphones smarter sein als wir. Oder vielleicht sind sie es auch schon.

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