Public Viewing: ganz große Gefühle des Fußballs

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2014-06-26 20.26.12

Tübinger Busbahnhof, vergangener Donnerstag, 16 Uhr: Wir treffen uns, um für die kommenden Stunden Fußballfan zu werden. Verabredet sind wir, um im Schlachthofareal das letzte, wichtige Vorrundenspiel des DFB-Nationalteams gegen die USA, gegen Jürgen Klinsmann zu verfolgen.

Voller Vorfreude machen wir uns auf den Weg. Gemeinsam mit vielen anderen Fans, bekannten und fremden, erreichen wir gegen fünf die Schlachthausstraße um dort Tickets für das Spiel zu kaufen. Im Radio haben wir von schweren Regenfällen in Recife gehört, wollen und können aber nicht an die angedrohte Spielverschiebung glauben. Bei unserer Ankunft ist der Schlachthof bereits gut gefüllt, und so entscheiden wir uns dafür, nicht auf den extra aufgestellten Bierbänken platz zu nehmen, sondern zu stehen, eine im Nachhinein gute Entscheidung.
Zusammen mit 1200 anderen begeisterten Deutschland Fans versorgen wir uns mit Bier und roter Wurst, treffen Bekannte, und lernen vor allem viele neue, nette Fans kennen, mit denen wir in den kommenden Stunden die WM feiern werden. So auch einige Dortmund Anhänger, mit denen wir im Stehen das ganze Spiel verfolgen werden. Fast nebenbei warten wir auf den Anpfiff des Spiels und erfahren von Oliver Welke, dass der Regen in Recife nachgelassen hat, das Spiel also wie erwartet stattfinden kann.
Leider besitze ich noch kein Deutschlandtrikot und habe mich deshalb, um trotzdem als  Deutschland Fan gelten zu können, weiß gekleidet, um wenigstens Ansatzweise auch farblich  zum Teil der Gemeinschaft zu werden. Ich bin im Schlachthof einer der wenigen ganz ohne „schwarz, rot, gold“. Fast jeder, auch unsere neuen Freunde, besitzt sowohl Trikot, als auch Flagge, oder  Blumenkette in den Deutschlandfarben.
Um kurz vor Sechs erscheint endlich unsere Mannschaft im Stadion, die wir mit frenetischem Jubel begrüßen. Während der darauf folgenden Nationalhymne stehen alle auf, das ganze Schlachthofpublikum singt die Nationalhymne textsicher mit. Die einzige Ausnahme bilden etwa vier amerikanische Fans, die allerdings im Schwarz-weißen Fanblock untergehen. Noch vor dem Spiel haben wir das Ergebnis des Spiels getippt, keiner glaubt an eine Niederlage, die Meisten erinnern an Gijón – Löw und Klinsmann kennen und schätzen sich sehr – und wenige an einen Sieg des deutschen Teams. Trotzdem ist die Stimmung gut, die Sonne scheint, es ist warm und Deutschland so gut wie sicher im Achtelfinale.
Vom Anpfiff des Spiels an wird jeder Ballkontakt, jede schöne Ballstafette unseres Teams beklatscht – und alle springen auf wenn sich die Offensivspieler dem gegnerischen Strafraum nähern. Weil auch das Spiel sofort an Fahrt aufnimmt, jubelt der ganze Schlachthof von Beginn an mit. Unsere neuen Freunde stellen sich netterweise als große Deutschland Fans heraus, die in unserem Umkreis für ausgelassene Stimmung sorgen. Das sowieso kleine Schlachthofareal ist von jetzt an am Kochen, verwandelt sich mehr und mehr in einen richtigen Hexenkessel, es herrscht Stadionatmosphäre, und zusammen werden wir zu einer Deutschland-Feier-Gemeinde.

Aufgrund der tollen Stimmung ist Oliver Schmidt über die folgenden zwei Stunden nicht mehr zu hören – was nicht an der schlechten Qualität der Lautsprecher des Veranstalters liegt, sondern an den lauten Fangesängen. An die wirklich wichtigen Spielszenen kann ich mich nicht mehr erinnern, erst während des Schreibens habe ich aufgrund der vielen Videos im Internet den Spielverlauf und die verschiedenen Schlüsselszenen mitbekommen, sogar noch einige neue Spielszenen entdeckt. Die Torchance Müllers, der in der zweiten Minute nur knapp neben das Tor trifft bejubeln wir ausführlich. Als sich dann ab der zwanzigsten Minute auch das Klinsmann-Team in das Spielgeschehen einbringt, beginnen wir, das Nationalteam gesanglich zu unterstützen.

Mit voller Lautstärke schreit der ganze Schlachthof beispielsweise „Auf geht’s Deutschland kämpfen und Siegen“, oder einfach nur „Deutschland, Deutschland“. An eine Unterhaltung über Schlüsselspieler, über Taktiken, oder über die Mannschaftsausrichtung ist nicht zu denken, viel eher wird Ravshan Irmatov -im Nachhinein wohl eher zu Unrecht- beschimpft. Vom Spielgeschehen bekomme ich immer noch nicht alles mit, eine treffende Analyse ist deshalb unmöglich.
Während der Halbzeitpause ist dann Zeit, sich mit Essen und Trinken für die zweiten 45 Minuten einzudecken, wobei man in Kauf nehmen muss sehr lange anzustehen. Wir unterhalten uns außerdem noch über das Ergebnis, Gijón ist vergessen, auch, oder gerade weil beide Mannschaften offensiv ausgerichtet sind, und es schon einige richtig gute Strafraum und Torszenen gab.
Nach Wiederanpfiff des Spiel steigert sich die Stimmung wieder rasant, der Spielverlauf wird zwingender, ein Tor muss fallen. Für eine erste Torannäherung sorgt Klose in der 52. Minute, und endlich darf der gesamte Schlachthof dank des Müllertors in der 54. jubeln. Die sowieso schon energie- und emotionsgeladene Stimmung kulminiert jetzt endlich in seinem Höhepunkt, explodiert förmlich.

Alle Konventionen dürfen für wenige Augenblicke vergessen werden, Zwänge und Zeit spielen keine Rolle mehr. Es fallen sich wildfremde Menschen in die Arme, Ausnahmezustand herrscht, Bierbecher fliegen durch die Luft, an die Sicht auf die Leinwand ist für längere Zeit nicht zu denken, weil alle Aufgesprungen sind, auf den Bänken tanzen und die ganz großen Gefühle, die nur der Fußball erzeugt, kollektiv erlebt werden.
Erst heute, während des Schreibens und nach der ZDF-Analyse wird mir die Brillianz des Schusses bewusst.  Mit dem Tor ändern sich auch die Fangesänge, mit voller Lautstärke schreit der Schlachthof beispielsweise „Steht auf wenn ihr Deutsche seid“, oder einfach nur „Sieg, Sieg, Sieg“.  Wir beklatschen schadenfroh jede vergebene Chance der Klinsmänner, im Gegensatz dazu wird Schweinsteiger, der das Spiel in der 76. verlässt, mit standing ovations bedacht, und auch die folgenden Chancen Özils und des eingewechselten Schürrle bejubeln alle.
Der Abpfiff bringt endlich die Gewissheit: Deutschland erreicht als Gruppensieger das Achtelfinale, vermeidet wohl Belgien und trifft auf Algerien, kann sich damit gute Chancen auf das Viertelfinale ausrechnen, wo dann Frankreich wartet, danach Brasilien.
Die Fanmassen aus dem Schlachthof, dem WM-Park und all den größeren und kleineren Tübinger Bars treffen sich anschließend auf der Neckarbrücke am „Kalender“, wo wir als gerade erst neu entstandene Gemeinschaft den knappen, verdienten Sieg feiern. Auf der Höhe des Kalenders herrscht bei unserer Ankunft bereits Anarchie: Während der Busverkehr umgeleitet wird stehen trotzdem einige Autos im Stau. Alle, und damit tausende Fans, feiern ausgelassen den Einzug ins Achtelfinale, wir skandieren „Auf die Knie, auf die Knie“ und mit einem mal kauern alle auf dem Boden. Auf ein Zeichen springen wir auf und singen „Humba, Humba Täterä, Täterä…“. Die Polizei und viele andere Ordner stehen daneben. Gegen 23 Uhr, nach langer, ausgelassener Feierei, kehrt auch hier wieder Normalität ein, und wieder als Individuum gehe ich nach Hause.
In Erinnerung bleiben mir vor allem tolle Bilder und große Emotionen. Im Schlachthof haben wir alle Fußball in unbeschreiblicher Stimmung erlebt und sind vielleicht dem Kern, also dem gemeinschaftlichen Feiern einer gemeinsamen Sache, eigentlich der ganzen WM näher gekommen. Im Schlachthof haben wir ein Stück weit Fußball gesehen, nicht visuell, sondern erlebt, also etwas verstanden.
Zusammenzuwachsen, gemeinsam Freude, Schmerz, Sieg und Niederlage zu erleben, sich als Gesellschaft für wenige Stunden für eine gemeinsame Sache zu begeistern ist wünschenswert und phänomenal, birgt aber auch Gefahren: Der Fußball und die durch ihn entstehende Massendynamik verwischt die Individualität von vielen, verwischt vielleicht die Individualität einer ganzen Nation und lässt uns so alle Tolles erleben, lässt uns so aber sogar in Tübingen „Sieg, Sieg, Sieg“ schreien und pathetisch, stehend, mit Hand auf dem Herzen die Nationalhymne singen.

Jede objektive Wahrnehmung geht verloren, keiner denkt über die Folgen, ein mögliches Fortschreiten, die mögliche Dynamik seines Handelns nach. Das Erleben des Fußballs muss von jedem einzelnen kritisch hinterfragt werden, macht aber doch auch einen Teil der Faszination dieses Sports aus, ist einer der vielen Gründe warum er so erfolgreich begeistert und dadurch beliebt ist.

Im Schlachthof wird seit 2008 Public Viewing veranstaltet. Es finden hier 1200 Fußballfans Platz, etwa 1000 können mit einem Sitzplatz rechnen. Die Spiele werden auf zwei Leinwänden gezeigt, von denen die größere 5,30×3,0 Meter groß ist. Dieses Jahr kann das gemischte, aber doch eher jüngeren Publikum alle Deutschlandspiele im Schlachthof verfolgen.
Während eines Abends werden im Schlachthofareal von über 20 Leuten etwa 500 Liter Bier ausgeschenkt, und über 300 Stadionwürste verkauft.

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Moritz Rentzsch

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