Muslime in Tübingen 4: „Ziel von Vorurteilen“ – Cansu, 23, kritisiert das Frauenbild von Islam-Kritikern

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CansubwCansu Erdogan studiert Soziologie in Tübingen. Die 23-Jährige ist Austausch-Studentin und lebt ursprünglich in Istanbul. In Deutschland hat sie sich nie diskriminiert gefühlt, sagt sie – aber Cansu räumt ein, dass sie bislang nur kurz hier ist. Zudem sei Tübingen eine bekannt offene Universitätsstadt. – von Anna Ferrari


Cansu findet die „Pegida“-Bewegung ziemlich erschreckend – vor allem, weil sie „den Islam“ generalisiert. „Das Leben hat nichts mit dem ‚verschiedene Religionen-Haben‘ zu tun“, sagt sie. „Es geht doch ums Mensch-Sein. Es gibt Unterschiede unter den Gläubigen jeder Religion.“ Cansu sagt, Muslime im Ausland würden oft abgestempelt und als Menschen zweiter Klasse behandelt. Als Konsequenz dieses ‚Islam-Stempels‘ können sie sich leicht einsam oder zumindest nicht anerkannt fühlen. Kein Wunder, sagt sie, wenn da bei manchen ein Defensiv-Mechanismus aufschnappt: Die Leute versuchten dann vielleicht, sich zu schützen – und manche landeten beim Islamismus.
Bevor man allerdings Vorurteilen folgt, so Cansu, sei es besser, die Muslime direkt zu fragen, ob und warum sie sich derzeit ausgegrenzt fühlen. Ihr Tipp: „Um die Wahrnehmung zu erweitern und zu schulen, könnte man ganz früh beginnen – und schon kleinen Kindern die Bedeutung verschiedener Kulturen erklären.“
Die Anhänger der derzeit Aufsehen erregenden „Pegida“-Bewegung haben übrigens, so Cansu, ein sehr klischeelastiges Bild der typischen muslimischen Frau. „In der Türkei etwa sagen manche, dass die Frau ,bescheiden‘ auftreten solle: Nicht zu sehr auffallen und sich geeignet anziehen“, erzählt sie: „,Ich habe aber beobachtet, dass sich die Leute hier eine muslimische Frau oft als völlig verhüllte, unterlegene und dem Mann unterworfene Frau vorstellen.“
Die Sache sei aber selbst bei Konservativen sehr unterschiedlich. Einerseits, so Cansu, ist es oft Entscheidung der Frau, sich zu verhüllen: um die Schönheit für den Geliebten zu reservieren etwa. Oder auch, um gegen die Globalisierung zu protestieren – denn die nackte Frau des Abendlandes interpretierten manche als mangelnden Respekt für den weiblichen Körper.
Sicher sei, dass eine verhüllte Muslima sofort Objekt von Vorurteilen wird: „Ich zum Beispiel trage ich keinen Schleier und kleide mich wie alle Jugendlichen in Tübingen. Einige Leute haben mir gesagt, dass ich ‚europäisch‘ aussehe – wie ein Kompliment.“ Würde sie denn selbst einen Schleier jemals tragen? „Nein“, sagt Cansu, „ich denke, ich drücke mich mit meinem jetzigen Aussehen ganz gut aus.“

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