Mit Buddhisten in die Tiefe gehen

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GebetskettenEin weiter Raum, ausgelegt mit roten Yogamatten. Am Ende des Raums steht ein Tisch, auf dem drei Buddha-Statuen thronen. Mit angewinkelten Knien sitze ich auf einem Kissen. In meiner Hand: eine „Mala“, die buddhistische Version der Gebetskette. Meine Augen sind geschlossen. „Wir spüren“, sagte eine Stimme, „wie der formlose Luftstrom unseres Atems an der Nasenspitze kommt und geht und lassen Gedanken und Geräusche vorbeiziehen, ohne sie zu beurteilen.“ Es ist still im Raum. Nur noch das leise Geräusch des Atems ist zuhören. Ich befinde mich im „Buddhistischen Zentrum Tübingen“ und nehme an einer Meditation teil.

Was bedeutet Meditieren im Buddhismus? Meditation sei ein Mittel, mit dem man den Geist trainiere, erfahre ich am Rande der Meditation von meinen Gesprächspartnern. Rund 40 Buddhisten zählt der Kreis derer, die sich ans Tübinger Zentrum gebunden fühlen. Die Meditation diene auch dazu, dass man das, was man im Kopf von den buddhistischen Lehren verstanden habe, zur eigenen Erfahrung mache. Im Buddhismus gehörten Meditation und das Lernen der Lehren zusammen. Es ginge um eine ganzheitliche Erfahrung, denn: „Meditation arbeitet mit allem, mit Körper, Rede und Geist“.

Entspannt sitzt unsere kleine Tübinger Gruppe, bestehend aus fünf Personen, auf den Kissen. Die Anleiterin fährt fort und liest mit klarer Stimme aus einem Büchlein vor. Dem Büchlein der Meditation auf den 16. Karmapa, den fernen Lehrer der Buddhisten. Diese Meditation sei die klassische Meditation der Diamantweg-Buddhisten im Westen, entnehme ich den Presseinformationen des „Buddhistischen Dachverbandes Diamantweg“. Diamantweg: Das ist eine der drei buddhistischen Schulen.

Aber zurück zur Meditation, zum Ablauf der Meditation. Im Diamantweg wird auf eine Form meditiert. Wir stellen uns eine Buddhaform im Geist vor. Am häufigsten unseren Lehrer, den erwähnten 16. Karmapa, der als Buddha gesehen wird. Es ist ein geleiteter Ablauf: Wo man mit der Sprache etwas mache, also Mantra spreche, wo man sich auf die Form ausrichte, damit der Geist auf einer Stelle bleibt, und wo man sich klar mache, wozu die Meditation diene: zum Besten aller. Die Form solle als Hilfsmittel dazu dienen, dass man sich leichter konzentrieren könne. Sie diene aber auch als Sinnbild der positiven Eigenschaften, die erreicht werden sollten. Es ist wieder still. Ich merke, wie ich abschweife. „Was muss ich diese Woche noch alles erledigen? Meinen Artikel schreiben, arbeiten…“ Eine Stimme ertönt. Die Anleiterin fährt fort und reißt mich aus meinen Gedanken. Es ist nicht leicht, seinen Geist zu sammeln und sich nur auf die Meditation zu konzentrieren. Deswegen würde im Diamantweg mit vielen Mitteln gearbeitet, die alle die Fokussierung stärken sollen.

Einmal sei da die Buddhaform, auf die man sich konzentriere. Dann schweiften die Gedanken ab zur Einkaufsliste. Dann hätten wir aber die Gebetskette in der Hand, mit der wir wie mit jedem Mantra die Perlen zählen. Mithilfe der Mala erinnerten wir uns: „Ah, ich meditiere gerade.“ Zusätzlich würden die Mantras ausgesprochen. Drei Hilfsmittel, um den Geist einzufangen, also: Körper, Rede, Geist.

Immer noch mit angewinkelten Knien und geschlossenen Augen sitze ich auf einem kleinen, blauen Kissen. Die Gebetskette liegt locker in meiner Hand. Bisher kam sie nicht zum Einsatz. Eine Fliege krabbelt über meinen Arm. „Wie kann mich eine Fliege dermaßen ablenken?“, frage ich mich.

Und diese Stille! Bisher konnte ich über den Satz „Stille dröhnt in den Ohren“ nur schmunzeln. Aber jetzt gewinnt er eine völlig neue Bedeutung für mich. Da geht es weiter, das Mantra: „Karmapa chenno.“ Zunächst einige Male laut gemeinsam. Dann jeder halblaut für sich alleine. Ein beruhigendes, zu- und abnehmendes Brummen.

Und trotzdem lasse ich mich leicht ablenken. Das bringt mich zur Frage: Kann auch ein richtiger Zappelphillip das Meditieren erlernen? Bestimmt, aber man müsse mit kürzeren Einheiten anfangen. Wie oft empfiehlt es sich grundsätzlich zu meditieren? Auf jeden Fall regelmäßig, gut wäre täglich, am besten mehrmals täglich, bekomme ich zur Antwort.

„Karmapa chenno“, „Karmapa chenno“, und bei jedem „Karmapa chenno“ eine Perle. Stille. Und noch ein paar abschließende Worte. Die Meditation ist vorbei. Ich komme zur letzten Frage: Tut Meditieren gut?

„Ja, klar“, ertönt es von allen. Man fühle sich entspannter, reaktionsschneller, frischer. Ohne Mediation würde etwas fehlen. Und neurologische Untersuchungen bestätigten das auch. Der amerikanische Philosophie- und Neurobiologieprofessor Owen Flanagan etwa hätte bewiesen, heißt es im Zentrum, dass der linke präfrontale Lappen, zuständig für unsere positiven Gefühle, bei meditierenden Buddhisten überdurchschnittlich aktiv sei. Na, wenn das so ist!

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Ruth Juraschitz

Langsam zähle ich beim Flugplatz doch zu den alten Hasen. Schließlich bin ich seit 2010 dabei. Ich bin 21 Jahre alt, habe 2012 Abitur gemacht und ich liebe es zu schreiben. Deswegen bin ich ja auch beim Flugplatz gelandet.

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