Mit Angst zur Arbeit

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ObstDas Abi in der Tasche, Freizeit ohne Ende – unzählige Jugendliche sind auf Jobsuche, um sich das Taschengeld aufzubessern, darunter auch ich. Ich stoße auf eine Anzeige von einem Discounter: „Verkäufer/in m/w auf Teilzeit gesucht. Wir zahlen übertariflich!“ Mein Interesse ist geweckt, und ich schaffe es, im Bewerbungsgespräch zu überzeugen.

 

Mein erster Arbeitstag beginnt mit einer Begrüßungsveranstaltung für alle Neueinsteiger mehrerer Filialen. „Es freut mich so sehr, dass Sie alle hier sind!“ begrüßt uns die Leiterin der Veranstaltung überschwänglich. Es folgt ein langer Vortrag über die Mitarbeiterfreundlichkeit jenes Unternehmens, von Vertrauen, Sicherheit und gutem Führungsstil ist die Rede.

Auch die Einarbeitungszeit scheint ausgesprochen fair zu sein: Die Nummern, die für verschiedene Gemüse-, Obst- und Brotsorten an der Kasse einzugeben sind, müssen wir erst nach vier bis fünf Wochen auswendig wissen. An die Kasse würde man uns aber in der ersten Woche sowieso noch nicht setzen. „Scheint ja ein echt toller Job zu sein“, denke ich mir und ahne noch nicht, was mich die nächsten Wochen erwartet.

Ganz entspannt gehe ich also am nächsten Tag meinen ersten richtigen Einsatz an. Anders als erwartet muss ich jedoch nach einer kurzen Einarbeitung sofort an die Kasse. Die vielen Nummern sitzen natürlich noch nicht, und ich muss ständig die Mitarbeiterin an der Kasse neben mir fragen. Trotzdem habe ich das Gefühl, mich eigentlich ganz gut angestellt zu haben.

Ganz anders sieht das aber meine Vorgesetzte, als ich nach Schichtende zur Kassenabrechnung gehe. „Ich habe gehört, du kannst die Nummern nicht. Das ist richtig schlecht“ sagt sie, ohne mir das „Du“ überhaupt angeboten zu haben. „Ich kann dich hier wirklich zu nichts gebrauchen“, wirft sie mir gefühlte 100 Mal an den Kopf und wird dabei immer lauter. Es ist offensichtlich, dass meine Vorgesetzte nun selbst unter Druck steht: „Das muss ich jetzt dem Vertriebsleiter melden.“ Vor lauter Schreck komme ich gar nicht dazu, mich gegen die abfällige Bewertung nach meinem ersten richtigen Einsatz zu wehren. Ich weise nur auf die in der Begrüßungsveranstaltung versprochenen vier bis fünf Wochen hin, was aber abgestritten wird. Meine Vorgesetzte kündigt mir an, mich die Nummern in den nächsten Tagen abzufragen, und ich fühle mich wie in die Schule zurückversetzt. Geknickt gehe ich nach Hause, und da mir nichts anderes übrig bleibt, fange ich an, „Vokabeln“ zu lernen: vierstellige Ziffern für Banane, Kiwi, Melone…

Mein dritter Arbeitstag steht an, heute muss ich Regale einräumen. Hier gibt es für jedes Detail genaue Vorgaben. Ich brauche ein bisschen länger, weil ich noch nicht genau weiß, wo sich alle Produkte befinden. Für meine Vorgesetzte brauche ich aber zu lange.

Nach meiner Schicht werde ich von ihr ins Büro geholt, dort wartet schon der Vertriebsleiter zum Abmahnungsgespräch auf mich. Im noblen Geschäftsanzug sitzt er vor mir und fragt: „Frau Fischer, wie fühlen Sie sich?“ Eigentlich fühle ich mich, als wäre ich im falschen Film, bin aber zu überfordert mit der Situation, um darauf einzugehen. Ich sage, dass man mir von Anfang an hätte klar sagen sollen, was genau bis wann von mir erwartet wird. Die Antwort darauf: „Wissen Sie, Frau Fischer, wir sind ein soziales Unternehmen. Wäre es fair, wenn morgen ein Brief von uns zu Ihnen käme? Nein! Und deswegen möchten wir erstmal mit Ihnen reden.“ Ich kann es nicht fassen, dass mir an meinem dritten Arbeitstag mit der Kündigung gedroht wird und schaffe es leider nicht, etwas zu entgegnen. „Aber wir wollen dir keinen Druck machen!“, fügt meine Vorgesetzte noch hinzu. „Frau Fischer, das ist Psychologie – wir wollen Sie jetzt ärgern, damit Sie sich morgen sagen: Jetzt zeig’ ich denen, wer ich bin!“

Ab dem Moment weiß ich aber schon ganz genau, dass ich diesem Unternehmen garantiert nicht mehr zeigen möchte, wer ich bin. Jeden Tag Angst haben, nicht schnell oder gut genug zu sein – da verzichte ich lieber auf die übertarifliche Vergütung, mit welcher so oft geworben wurde. Also kündige ich gemäß der Frist zum Monatsende. Ich kann immerhin froh sein, dass im Gegensatz zu anderen meine Existenz nicht von diesem Job abhängt. In den kommenden Tagen werde ich für fast jeden Einsatz in Drei-Stunden-Schichten (6-9 Uhr) eingeteilt. Das heißt aber nicht, dass ich bis 9 Uhr arbeite – um 7:50 Uhr sagt mir meine Vorgesetzte: „Stempel dich aus, du kannst jetzt nach Hause gehen, ich habe gerade keine Aufgaben mehr für dich.“

Ich sage ihr, dass eine Arbeitszeit von einer Stunde und 50 Minuten bei einer Anfahrt von anderthalb Stunden und 6,50 Euro Fahrtkosten nicht gerade günstig für mich ist. Und wie sollte die Antwort auch anders lauten? „Ich muss an Arbeitskraft sparen – ich weiß ja nicht, kennst du den Begriff Leistungsdaten überhaupt?!“

Ich beschließe, mir in der nächsten Zeit jegliche Auseinandersetzungen zu ersparen und einfach nur die Arbeitstage hinter mich zu bringen. Demnach bin ich sehr erleichtert, als ich zum Monatsende meine allerletzte Schicht hinter mir habe und diesen Laden nie wieder als Personal betreten muss.

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Helen Fischer

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