Métrohypnose

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Paris! Stadt der Liebe, der Muse und der Lebenskunst! Hach! Hach wirklich? FLUGPLATZ-Autorin Catharina Schreiner lebt derzeit unterm Eiffelturm und hat den Realitäts-Check gemacht. Schauerlich geht es neuerdings zu in Frankreichs Hauptstadt. Gespenstisch.


Jeden Tag, wenn ich die Treppen hinabsteige in die dunklen Tiefen der Pariser Metro, beobachte ich eine unheimliche Metamorphose. Normale Menschen, die auf der Erdoberfläche aktiv herumwuseln und kommunizieren, verwandeln sich beim Abstieg in die Unterwelt in… Zombies.
Sobald sich die automatischen Türen des Zuges öffnen, ziehen die Pariser kollektiv, mit dem automatischen Griff einer Marionettenpuppe, längliche rechteckige Gerätschaften aus den Taschen. Als dann ist es um sie geschehen. Von menschlichen Zügen keine Spur mehr, starren sie wie hypnotisiert in diese fremdartige Apparatur, tippen manisch darauf herum und fahren mit den Fingern darüber, als ob sie ihr irgendetwas entlocken wollten.
Die Außenwelt völlig ausgeblendet, fast reglos und ohne den Blick zu heben, sitzen sie da. Eine ruhig gestellte, apathische Masse. Es ist unheimlich.

Aber nur mit der Ruhe, Freunde. Als Kind des 21. Jahrhunderts kann ich Ihnen versichern, dass es sich bei dieser merkwürdigen Maschine mitnichten um eine Ausgeburt des Teufels handelt oder um Hexenwerk, das den Menschen ihre Gefühle aus den Lebensadern zieht und sie blutleer und gleichgültig zurücklässt. Das dachte ich am Anfang auch.
Tatsächlich muss es wohl irgendetwas mit diesem Internet zu tun haben. Sicher haben Sie schon davon gehört. Das war wohl ursprünglich erfunden worden, um irgendwie nützlich zu sein.

Derart intensiv und obsessiv genutzt scheint es die Menschen allerdings in teilnahmslose und verkümmerte Zombies zu verwandeln. Langsam schwant mir, dass sich diese Tragik in der Menschheit stetig wiederholt: Die älteren Semester werden sich erinnern, wie auch Coca-Cola damals als Medizin auf den Markt gebracht worden war. Mittlerweile ist es eher so eine Art Katalysator für Fettleibigkeit und Herzversagen. Und das ist nur ein Beispiel. Es ist ein alarmierender Befund.

Es hilft eigentlich nur eins: Statt einem Glas Cola (das in Paris übrigens gerne mal 5,50 Euro kostet) eine „carafe d’eau“ bestellen (kostet 0 Euro), und für die Metro ein Nokia 3310, von Größe und Gewicht durchaus mit einem Ziegelstein vergleichbar. Jaha, lacht mich alle aus. Wenigstens bin ich kein Zombie. Und vielleicht wird das ja sogar irgendwann mal cool. 

Von Catharina Schreiner

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Catharina Schreiner

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  • Sally

    Ich find’s schon krass. Irgendwie bekommt man da Angst, dass sich irgendwann alles nur noch mit dem Smartphone regeln lässt. Bleibt uns in Zukunft noch etwas, das ganz ohne Technik und Internet funktioniert?

  • Schroz

    Ist im Zug nach Rottenburg genauso.

    • Rafael

      Nicht nur da. Überall. Die Gesellschaft wird zunehmend zombifiziert. Dahinter stecken Apple und Google. Eindeutig. Großkonzernverschwörung und so.