Mensa-Expertin Christine Hugger über Freundlichkeit, Lärmschutz, Preise – und Spinat auf dem Speiseplan

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Christine Hugger Privatbild

Am Tag der „Schulverpflegung in Baden-Württemberg“ traf sich der FLUGPLATZ zum Interview mit Christine Hugger. Hugger ist „Praxisbegleiterin Schulverpflegung“ der Vernetzungsstelle Baden-Württemberg. Ein Gespräch über Mensen und Konzepte, über Muslime und den Veggie-Day.

Frau Hugger, bitte erklären Sie Ihre Tätigkeit im Kosmos Mensa.

Meine Aufgabe ist es, in der Mensa-Beratung die unterschiedlichen Parteien an einen Runden Tisch zu bringen – und dort die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse aufzunehmen. Je nachdem, was gerade Thema ist, setzt sich das Gremium zusammen. Für mich ist es ganz wichtig, dass neben dem Caterer auch Schülervertreter, Schulleiter oder abgeordnete Lehrer, Elternvertreter und manchmal auch Hausmeister mit dabei sind.

Und die Stadt?

Natürlich ist auch die Stadtverwaltung anwesend und auch die beteiligten Ämter. Das heißt, wenn es um den Mensa-Bau geht, etwa Vertreter des Bauamts. Ansonsten je nach Kommune Teile der Stadtverwaltung, das Schulamt oder die Kämmerei. Die Stadtverwaltung bezuschusst das Mensa-Essen zu einem großen bis sehr großen Teil – entsprechend hat sie auch ein Interesse daran, dass die Mensa genutzt wird. Man kann also von einem Kompromiss aller Seiten sprechen.

Was sollte denn alles vorhanden sein, wenn eine Mensa neu eröffnet wird?

Es müssen viele Faktoren zusammenstimmen. Oft wird gesagt: Wenn das Essen gut ist, kommen schon alle. Aber das ist nur der halbe Teil der Miete. Auch die Räumlichkeiten müssen so sein, dass man sich wohlfühlt. Ebenfalls ein großer Faktor ist der Lärmschutz. Ein weiterer Punkt ist die Freundlichkeit des Personals. Wenn es griesgrämig und muffelig ist oder die Schüler anschnauzt, kommt keiner. Es ist schon schön, wenn man die Schüler nach einer Weile auch mit Namen ansprechen kann.

Was ist mit dem Essen an sich?

Es ist schwierig zu sagen: Was bei der einen Mensa funktioniert, funktioniert bei der anderen auch. Letztes Jahr war ich etwa in Calw wo es zwei Gymnasien gibt: Eins ist in der Innenstadt und das andere draußen auf der grünen Wiese. Es gibt ganz andere Voraussetzungen, aber dasselbe Essen. Trotzdem kann es gut sein, dass die Zufriedenheit in den Gymnasien eine ganz andere ist obwohl das Essen gleich schmeckt.

Ist es falsch, ein Dessert oder Spinat zu servieren?

Ich finde es immer gut, wenn Vielfalt geboten ist, so dass man auch auswählen kann. Es ist gut, ein Dessert anzubieten. Es gibt ja nicht ausschließlich Dessert zu Mittag und im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung ist ein Dessert erlaubt. Es ist wichtig, sich etwas zu trauen und etwas Neues auszuprobieren. Wenn man aber nach dem zehnten Mal Spinat gemerkt hat das 90 Prozent wieder zurück kommt, muss man sich überlegen, ob man vielleicht nicht etwas anderes anbieten sollte.

Wieso essen nur so wenige Menschen gern in der Mensa?

In nur ganz wenigen Mensen wird selbst gekocht. Deshalb müssen zum Beispiel Nudeln oft drei Stunden warm gehalten werden und sind dann nicht mehr so gut. Es ist einfacher zu sagen: „Mir schmeckt es nicht!“ als: „Es ist zu laut und das Personal ist unfreundlich!“ Außerhalb essen ist zudem etwas anderes, als zuhause für sich selbst zu kochen – es kann nie allen schmecken. Insgesamt wird sich gerne über Essen beschwert. So kommt es, dass nur zehn bis 15 Prozent der Schüler in eine Mensa gehen.

Auch eine Preisfrage? Wie teuer darf ein Mensaessen sein?

Grundsätzlich sollte die 3 vor dem Komma stehen – wobei klar ist, dass die Kommune noch etwas drauflegen muss. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass vor allem ältere Schüler sagen: Das ist es mir auch wert. Für Familien mit vielen Kindern oder niedrigem Einkommen gibt es das BUT (Bildungs-und Teilhabe-Paket), wo Schüler und Schülerinnen einen Zuschuss bekommen können: Dann kostet das Essen nur noch einen Euro.

Der Veggie-Day wurde zum einem verhängnisvollen Wahlkampfthema für die Grünen. Was halten Sie von der Idee?

Die Empfehlung lautet, zwei bis dreimal pro Woche Fleisch oder Wurstprodukte zu essen: Es sind also einige Tage dabei, an denen ausschließlich vegetarisch gegessen werden soll. Aus ernährungsphysiologischer Sicht und aus Sicht der Nachhaltigkeit ist ein solcher Tag deshalb zu begrüßen. Allerdings funktioniert er nur schlecht, wenn er vorgeschrieben ist. Die Menschen fühlen sich dann bevormundet. Grundsätzlich sollte ab einer Anzahl von 50 Tischgästen auch standardmäßig ein vegetarisches Gericht zur Auswahl stehen.

Wie bindet man Minderheiten beim Mittagessen ein?

Gängiges können die allermeisten Lieferanten oder Caterer bewerkstelligen: Also etwa eine Alternative zu Schweinefleisch für Muslime bieten. Im nächsten Jahr wird es auch eine Kennzeichnungspflicht für die häufigsten Allergene geben. Allerdings ist die Umsetzung noch nicht klar. Sicher ist: Alle Schüler sollten am Essen teilnehmen können. Wenn ein Kind eine ganz starke Lebensmittelintoleranz hat und man extra für dieses eine Kind ein eigenes Gericht kochen müsste, würde natürlich der Rahmen gesprengt. Da muss man gemeinsam überlegen, wie das Problem gelöst werden kann. In Form einer Mikrowelle etwa, sodass das Kind sein Essen selbst mitbringen und aufwärmen kann.

Wird auch auf ganz junge Schüler geachtet?

Häufig gibt es in der Grundschule Betreuungspersonen, die zusammen mit den Kindern Mittag essen und als Vorbild dienen. Es gibt Tischregeln, wie etwa gemeinsames Anfangen – oder dass alles probiert wird. Die Kinder lernen Ernährungsbildung in der Schule. Die soziale Komponente des Mittagessens in der Familie fällt zwar weg, verschiebt sich aber einfach auf das gemeinsame Abendessen.

Interview: Moritz Rentzsch

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Moritz Rentzsch

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