Lebenskunst: Handeln im Netz

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Michael Würz, Privatbild

Nicht einfach wegklicken, was nicht gefällt: Das empfiehlt Online-Spezialist Michael Würz. Die Digitalisierung des Abendlandes ist nämlich im vollen Gange – immer mehr Zeit verbringen wir in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und anderen. Doch „sozial“ im Sinne von „tolerant“ oder „selbstlos“ ist das Geschehen dort eher selten. Stattdessen treffen wir auf gerngeglaubte und –geteilte Gerüchte – gefolgt von Hasskommentaren, die nicht selten im Phänomen „Shitstorm“ enden. – von Ines Kunze


„Wir tragen da eine Art Mitverantwortung“, sagt Michael Würz, verantwortlicher Onlineredakteur beim Zollern-Alb-Kurier in Balingen und gefragter Referent. Würz ist per Beruf erfahren im Umgang mit Wut und Hass in sozialen Netzwerken: Vor etwa zwei Jahren wurde in Meßstetten die Flüchtlingsunterkunft errichtet. Als es kurze Zeit später in der Unterkunft zu einem Vorfall kam, bei dem die Polizei eingreifen musste, witterten User eine Verschwörung der Presse, als nicht innerhalb kürzester Zeit darüber berichtet wurde.

„Wenn wir nur zugucken, wie sich Andere über etwas aufregen, worüber wir eine differenziertere Meinung haben, überlassen wir ihnen das Feld“, sagt Würz: „So fühlen sie sich in ihrer Haltung bestätigt und der Hass nimmt viel größere Ausmaße an, als das je möglich gewesen wäre, hätte man gleich reagiert.“ So sei das Einschreiten auch ein Akt der Zivilcourage: Wer wegklickt, entziehe sich damit seiner Verantwortung als soziales Mitglied einer Gemeinschaft, die eben von allen gestaltet werde.

Trifft einen der Shitstorm persönlich, empfiehlt der 33-Jährige: Ruhe bewahren, Internet ausschalten. Denn so schnell wie einen so etwas trifft, ist die wütende Social-Media-Community bald weitergewandert. Treten allerdings neben Kritik auch persönliche Beleidigungen oder Drohungen auf, empfiehlt Würz, Anzeige zu erstatten: „Selbst wenn man strafrechtliche Konsequenzen für unwahrscheinlich hält, ist das wichtig. Gerade auch bei jungen Mädchen oder Frauen, denen sexuelle Gewalt angedroht wird.“

Wer sind eigentlich die Menschen hinter den Hater-Accounts? Würz’ Erfahrung nach entsprechen diese nicht dem Klischeebild von sozial ausgeschlossenen Randgruppen. Ganz im Gegenteil: „Das sind zum Teil Akademiker, gutbürgerlicher Mittelstand. Niemand, von dem man so etwas eigentlich erwarten würde.“

Was läuft falsch, dass wir politisch motivierten Falschmeldungen glauben schenken und gleichzeitig bei jeder Gelegenheit „Lügenpresse!“ schreien? Laut Würz sei vor allem fehlende Medienkompetenz Schuld. Mit ihr würde auch eine der häufigsten Ursachen für Fehlinformation und Hasswellen in den sozialen Medien verringert werden: das Glauben und Verbreiten ungeprüfter Inhalte.

Dabei reiche es oft schon, sich die Quelle etwas genauer anzuschauen: Wie ist die Meldung sprachlich gestaltet? Treten Rechtschreib- und Grammatikfehler, vielleicht sogar inhaltliche Widersprüche auf? Wie sind andere Meldungen desselben Anbieters aufgebaut, auf welche Quellen berufen sie sich? Und zuletzt auch: Gibt es ein Impressum? Wird der Verantwortliche genannt? Anhand dieser wenigen Kriterien lassen sich schon eine Menge Gerüchte und Fehlinformationen aus dem Weg räumen – und damit einen Teil der Basis für einen wirklich sozialen Umgang auf Facebook & Co. schaffen.

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