Eine Frage der Menschlichkeit

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Boat_People

Wikipedia / Phil Eggman

Die Diskussion um den Umgang mit Flüchtlingen bleibt aktuell. Flucht und Vertreibung sind aber keine neues Thema, sondern in allen Epochen der menschlichen Geschichte zu finden. Egal ob in biblischen und antiken Zeiten oder in der neueren Geschichte: Es gab immer Menschen, die in einem neuen Land dem Unglück entkommen mussten.

Im 19. Jahrhundert sind schätzungsweise fünf Millionen Deutsche nach Amerika ausgewandert: Grund dafür war meist die schlechte wirtschaftliche Lage, seltener politische Verfolgung. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs flohen Millionen Deutsche Richtung Westen, um der Rache der Roten Armee zu entkommen. In der DDR entschieden sich fast fünf Millionen Menschen, eine Flucht in den Westen zu versuchen.

Dass es Flüchtlinge gibt, ist die Konsequenz von Intoleranz gegenüber anderen Kulturen und Glaubensrichtungen und eine Folge von Krieg, Armut und Unterdrückung. Aus Angst vor Gefahren, der Hoffnung auf etwas Besseres oder schlichtweg um zu überleben die Flucht zu ergreifen, ist eine natürliche, menschliche Handlung und kein Phänomen, das nur Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten betrifft.

Laut der UN gab es im Jahr 2013 rund 51 Millionen Flüchtlinge, nur knapp 12 Millionen von Ihnen wurden vom UN-Flüchtlingshilfswerk unterstützt. 80 000 Menschen werden jährlich aus Auffanglagern in sichere Länder umgesiedelt, ein Großteil davon in die USA, nach Kanada oder Australien und nur 5000 von Ihnen nimmt die EU auf. Mehr als die Hälfte der Mitgliedsstaaten nimmt überhaupt keine Flüchtlinge auf.

Wie kann es sein, dass diese Flüchtlings- und Asylpolitik in so großen Teilen der deutschen Bevölkerung auf Zustimmung trifft? Ein häufiges Argument sind natürlich die Kosten. Flüchtlinge kosten Geld, zu viel. Aber um die Einreise von Flüchtlingen nach Europa zu verhindern gibt die EU Milliarden aus. An den Ausgaben für Grenzzäune und Überwachungssysteme wird nicht gespart. Allein Deutschland gibt jährlich 85 Millionen Euro nur für die Grenzschutzagentur Frontex aus, die für die Überwachung des Mittelmeers zuständig ist. Würde man dieses Geld nicht für die Abwehr von Flüchtlingen, sondern für die Menschen selbst ausgeben, wäre schon viel getan.

Wenn man Asylanten zudem nur unterbringt bis man sie wieder abschieben kann, ohne sie zu integrieren oder arbeiten zu lassen, ist klar, dass es immer nur Geld kosten wird. Das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge hat im Jahr 2012 gerade mal 200 000 Euro für Deutschkurse ausgegeben, von einem ernsthaften Versuch der Integration kann hier keine Rede sein.

Für viele Deutsche ist der Kostenfaktor aber auch gar nicht der wichtigste Punkt, wo man sich doch sonst auch nicht so viele Gedanken macht, ob Steuergelder effizient ausgegeben werden oder nicht. Heute ist es allzu oft die Angst vor einer so genannten „Überfremdung der Gesellschaft“, die leider noch immer weit verbreitet ist. Dabei ist Deutschland schon lange ein multikulturell geprägtes Land – und damit kein Einzelfall, denn die Globalisierung wirkt sich auf Gesellschaften in aller Welt aus, macht sie internationaler und dadurch nicht schlechter. Als Deutschland in den 1950er Jahren zu wenig Arbeitskräfte hatte, waren Ausländer gut genug, den Mangel auszugleichen – heute sprechen sich nicht wenige Deutsche für eine „einheitlichere“ Gesellschaft aus.

Deutschland steht auch nicht, wie viele Länder, vor dem Problem einer Überbevölkerung, im Gegenteil. Um die Sozialkassen zu erleichtern und das Rentensystem zu stabilisieren bräuchte Deutschland deutlich mehr junge, arbeitenden Menschen. Sicher kosten Flüchtlinge vor allem am Anfang erstmal Geld, viele von Ihnen haben aber eine Ausbildung, die Deutschland langfristig nutzen könnte und sind motiviert zu arbeiten.

Deutschland oder die EU können nicht alle Hilfsbedürftigen der Welt aufnehmen – aber das ist kein Grund, so wenig zu tun, wie es derzeit der Fall ist. Die Dublin II – Verordnung macht es Deutschland möglich sich aus der Verantwortung zu ziehen und sie mit Hilfe der Drittstaatenregelung vor allem an Italien, Spanien und Griechenland abzugeben. Jeder weiß, dass Europas Südstaaten nicht annähernd die Kapazitäten haben, sich um Flüchtlinge zu kümmern, wie Deutschland.

Trotzdem hat die italienische Küstenwache im vergangenen Jahr rund 140 000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet, die über das Mittelmeer nach Europa wollten. Das Programm wurde jetzt allerdings eingestellt, weil die EU-Staaten nicht die Kosten übernehmen möchten, sondern mit dem Geld lieber Grenzzäune baut. Sich weiter abzuschotten und die Augen zu verschließen, kann keine Lösung sein. An vielen globalen Problemen haben die Industriestaaten Mitschuld – auch deshalb haben sie jetzt mit wachsenden Flüchtlingsbewegungen zu tun.

Die Zahlen steigen nicht ohne Grund immer weiter an. Krieg, Armut und politische Unterdrückung sind leider immer noch viel zu präsent und das überall auf der Welt. Nur weil viele Deutsche davon nicht mehr mitbekommen als ein Nachrichtenbeitrag vor dem Abendessen, heißt das nicht, dass man sich immer nur raushalten kann. Die Welt hängt zusammen und das Ungleichgewicht in ihr wird irgendwann für jeden bemerkbar. Klar, die deutsche Gesellschaft hat auch Probleme, sie kämpft mit Überalterung, Politikverdrossenheit und Übergewicht, aber in anderen Ländern herrscht Krieg. Als Europa noch selbst betroffen war, hat man auf Unterstützung gehofft und sie auch erhalten. Sonst wäre die Bundesrepublik heute nicht auf Platz 5 der stärksten Volkswirtschaften.

Das Flüchtlingskommissariat der UN wurde 1951 vor allem gegründet um europäischen Flüchtlingen nach dem zweiten Weltkrieg zu helfen. Jetzt wo sich Europa wieder erholt hat, möchte man von Flüchtlingen aus dem Rest der Welt nichts wissen, außer wie man sich vor Ihnen schützen kann.

Mit der Unterzeichnung der Genfer Flüchtlingskonvention 1967 haben sich neben Deutschland noch weitere 146 Staaten dazu verpflichtet, Flüchtlingen Asyl zu gewähren, ihre Menschenrechte zu wahren und sie nicht in ein Land zurück schicken, in dem sie verfolgt werden.

Alles ist eine Frage der Menschlichkeit – und genau auf die sollten wir uns in der Diskussion ums Thema Flüchtlinge besinnen.

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Maike Wilhelm

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