Kleinstadt Tübingen versus Buchmesse Frankfurt: ein Erfahrungsbericht

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Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

Ziemlich viel los hier: die Frankfurter Buchmesse. Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

Ich komme aus einer Kleinstadt: knapp 90.000 Einwohner, nette Uni, belesene Akademiker und eine unvorstellbar hohe Buchladendichte – und das im Zeitalter von e-book und Amazon. Am Mittwoch, dem ersten der fünf Veranstaltungstage, fahre ich nach Frankfurt auf die Buchmesse. Ich will wissen, was für eine Dimension der Buchhandel eigentlich hat.

– von Leonie Kommerell

 

Drei Stunden und zwei Staus später sehe ich schon den Messeturm am Horizont aufragen. So weit kann es nicht sein.

Aus Angst vor Tübingen-ähnlichen Parkplatz-Gebüren parke ich in Sichtweite der Messeturmspitze auf einem kostenlosen Parkplatz. Doch der Turm markiert das von mir aus

am weitesten entfernte Ende des Geländes und dazwischen liegen noch zig Kilometer Großstadt. Zwei Wohnviertel, drei Kreisverkehre und eine halbe Stunde später erreiche ich vom

Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

Die Entfernungen auf der Messe sind geradezu episch. Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

Herbstwind durchgefroren den Eingang am Messeturm. Die Akkreditierung um mir die Messe an einem Pressetag anzusehen ist schnell bekommen. Auch die Sicherheitskontrolle ist schnell passiert. Nun stehe ich in einem langen Gang ohne Ahnung, welche der neun Hallen mit insgesamt 7000 Ausstellern ich mir als Erstes ansehen soll. Überall Menschen, überall Bücher. Knapp 90 000 Neuerscheinungen gibt es pro Jahr – damit könnte man jeden Tübinger pro Jahr mit einem Buch versorgen. Aber will das jeder?

Immer wieder bleibe ich an einem Verlag hängen. Lese die Klappentexte, spreche mit den Ausstellern oder höre bei Gesprächen mit Autoren zu. Ich besuche ein paar Verlage, wo ich Leute kenne. Nach zwei Stunden habe ich gerade mal zwei Gänge der Sachbuchabteilung

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Bei Presseterminen wie diesem hier treten sich die Fotografen gegenseitig auf die Füße. Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

durchlaufen und fühle mich wie nach einer anstrengenden Bergtour: die Beine schmerzen mirund ich habe einen Hunger, der sich nicht einmal mehr von den hohen Preisen der Essensstände abschrecken lässt. Nach der Stärkung wechsle ich die Halle. Auch diese hat die Größe eines Flugzeughangars und tatsächlich ich fühle mich wie in der Abflughalle eines Flughafens . Es ist schon 15 Uhr – und ich hatte eigentlich vor, so viel wie möglich von der Buchmesse zu sehen.

Halle 4.1 ist bevölkert von lauter kleinen, unabhängigen Verlagen, von denen ich kaum einen kenne. Wer soll denn all die vielen, neuen Bücher lesen?  Gibt es doch so viele Bücherleser, wie man als Tübinger vermuten könnte? Es heisst doch eigentlich, es gebe immer weniger Leser. Das Angebot an Büchern jedenfalls ist riesig, die Verlagsbranche somit wohl auch.

Trotzdem fesseln mich die einfallsreichen Einbände und Themen. Hier treffe ich auch auf einige Tübinger Verlage wie den Silberburg Verlag oder den Konkursbuch- Verlag. Am Stand des

Klöpfer & Meyer- Verlags treffe ich auf Eva Christina Zeller, eine Lyrikerin, die dieses Jahr die Gedichtsammlung „Auf Wasser schreiben“ bei Klöpfer & Meyer veröffentlicht hat. Zwar war sie schon häufiger auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs, trotzdem ist sie jedes mal wieder

Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

Vom Backbuch bis zum Bestseller: für jeden was dabei. Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

überwältigt von den Mengen und Dimen sionen. Sie erzählt mir, dass man sich hier auf der Buchmesse wieder einmal der Unwichtigkeit des eigenen Tuns bewusst wird. Jedenfalls relativ: Wo man in Tübingen zu einer Handvoll bekannter Autoren zählt, jagt einem auf der Messe kein Journalist hinterher. Immerhin geht es vielen anderen auch so: Die Buchmesse ist nicht nur für Verlage eine gute Gelegenheit, sich mit anderen Verlagen auszutauschen, auch Autoren bietet sich eine Möglichkeit neue Kontakte zu knüpfen. Immer wieder sieht man Autoren an kleinen Tischen an den Ständen der Verlage sich austauschen und verhandeln. Doch in dieser Halle lerne ich auch neue Medien kennen: Verlage mit Graphic Novels oder Independent Magazins werden hier ausgestellt.

Trotz Rück enschmerzen, brennenden Fußsohlen und Erschlagenheit, die nur durch gleichzeitig sinkende Ehrfurcht vor dem „Buch“ gemildert werden, mache ich mich noch auf in Halle 6.2 zu

Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

Hat in Tübingen studiert: Eichborn-Autorin Isabelle Lehn. Bild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

den englischsprachigen Verlagen. Interessant, was für eine eigene Buchwelt Verlage in anderen Ländern haben. Die Bücher sind anders aufgebaut und sehen anders aus. Wenigstens halten sich hier wenige Leute an diesen Ständen auf. Ich genieße das. Die Menge an Menschen in den Hallen zuvor war mir einfach zuviel.

Um kurz vor 18 Uhr ist es vorbei. Die Messe schließt. So auch mein Kopf. Nicht mehr aufnahmefähig, keinen Platz mehr für: Bücher. Ich verlasse die Messe wie ich sie betreten habe: vor mir liegt noch ein 30 Minuten Marsch zurück zum Auto und eine dreistündige Autofahrt zurück nach Tübingen. Dank Eindeckung mit Lebensmitteln an einem Supermarkt lässt sich auch diese überstehen. Heilfroh zurück in Tübingen falle ich mit vielen Fragen ins Bett:

Gibt es wirklich noch so viel Nachfrage nach Büchern? Hat der Buchhandel eine Zukunft bei dem Überangebot und der geringen Nachfrage? Warum überleben kleine Verlage trotzdem? Und würde ich gern Teil dieser Branche sein?

Ich glaube, diese Fragen wären schon Gründe genug um sich nächstes Jahr wieder in die Menschen- und Büchermassen zu stürzen.

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