Keine Flucht vor der Flucht: Die Amnesty Hochschulgruppe mit einem Filmabend ohne Film

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August 2014: Flüchtlinge auf einem intalienischen Militär-Schiff in Sizilien. Bild: Amnesty

August 2014: Flüchtlinge auf einem intalienischen Militär-Schiff in Sizilien. Bild: Amnesty

Dienstagabend im Kino Arsenal. Es geht um Flucht und Flüchtlinge, ein brandaktuelles Thema. Um aufzuklären und einige Fragen zu beantworten, veranstaltet die Hochschulgruppe Tübingen von Amnesty International diesen Filmabend. Dann nur leider ohne Film – dafür aber mit reichlich Input.

– von Clara Schneiderhan


Es sind viele Leute gekommen, der Kinosaal ist brechend voll, manche müssen stehen. Hannah Becker von der Amnesty-Hochschulgruppe erzählt, was denn nun eigentlich der Unterschied zwischen Flüchtlingen und Migranten ist – und warum das überhaupt wichtig ist. 51,2 Millionen Flüchtlinge gibt es derzeit auf der Welt. Die meisten sind Flüchtlinge im eigentlichen Sinne, also solche, die aus ihrem Land fliehen müssen, weil sie dort nicht mehr leben können, und kommen aus Syrien, Afghanistan und Somalia.
Sebastian Stein, auch von Amnesty, spricht vom Mittelmeer: dem Todesmeer. Er plädiert dafür, Verantwortung zu übernehmen. Vor allem von Seiten der EU. Das fordert auch Amnesty International. Die NGO ist der Ansicht, dass das Programm „Mare Nostrum“ so lange weitergeführt werden soll, bis eine gleichwertige Seerettungsorganisation existiert. „Mare Nostrum“, das ist die italienische Organisation, die bis vor kurzem das Mittelmeer überwacht und dabei tausenden Flüchtigen das Leben gerettet hat. Bis sie dem italienischen Staat zu teuer wurde und die EU das Programm „Triton“ ins Leben gerufen hat- aber eigentlich nur zum Grenzschutz und nicht zur Rettung. Außerdem soll Deutschland jeden Antrag auf Asyl gründlich prüfen, meint Amnesty International. Das sei man den Flüchtlingen schuldig.
Ganz nüchtern kann man bei dem Thema nicht bleiben: Stein klingt empört. Verzweiflung, Unverständnis, Hilflosigkeit. Schwere Kost.
„Leben verboten“ heißt der Film, der nun eigentlich gezeigt werden soll: Eine halbstündige Doku über das, was Flüchtlinge in Deutschland erleben. Der Film läuft an, es wird eine heruntergekommene Flüchtlingsunterkunft gezeigt. Ein Flüchtling spricht, es werden deutsche Untertitel angezeigt. Nur der Ton fehlt. Doof, so ein Film ohne Ton. Also noch mal alles auf Anfang. Und wieder die Unterkunft. Hier möchte man eigentlich nicht leben, es sieht sehr eng und dreckig aus. Der Flüchtling erzählt, dass man so eng aufeinander lebt mit Menschen, die man überhaupt nicht kennt. Nur kommt wieder kein Ton, man kann mitlesen.
Planänderung: dann eben zuerst der Vortrag von Franziska Dröscher. Sie arbeitet als eine von fünf Sozialarbeitern bei der Flüchtlingsbetreuung des Landratsamts Tübingen. Als Sozialarbeiter begleiten sie die Flüchtlinge bei Behördengängen, helfen ihnen mit dem Asylverfahren, kümmern sich um die Einschulung der Kinder oder um Sprachkurse, machen Arzttermine aus.  Dröscher kennt die Realität. In Tübingen sei die Situation besser geworden seit es kleinere Unterkünfte gibt und die Flüchtlinge Geldleistungen statt Gutscheinen bekommen, sagt sie. Auch die Eingliederung würde gut verlaufen, die Aufnahme von Flüchtlingskindern in Schulen oder Kindergärten sei mittlerweile kein Problem mehr. Etwa 690 Flüchtlinge leben derzeit in Gemeinschaftsunterkünften im Landkreis, bis März soll es 1000 Plätze geben.
Dröscher erklärt das Asylverfahren. Mehr als zwei Jahre kann es dauern, bis ein solches Verfahren abgeschlossen ist und darüber entschieden wird, welchen Status der Flüchtling erhält. Zuständig ist dafür das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dröscher hat ein Bild gezeichnet, von der Situation der Flüchtlinge hier in der Umgebung. Man kann sich jetzt mehr darunter vorstellen, weiß die Zeitungsmeldungen besser einzuordnen.  Weil nun endgültig klar ist, dass etwas mit dem Audiosystem kaputt ist, wird der Film vom Programm gestrichen. Stattdessen können Fragen an Dröscher und Iska Dürr, Abteilungsleiterin für Soziales beim Landratsamt, gestellt werden. Sie betonen, dass die ehrenamtliche Arbeit wichtig ist, um die Flüchtlinge in die Gesellschaft wirklich einzugliedern, zum Beispiel indem sie im Verein Fußballspielen können. Nach Anfeindungen in den Unterkünften wird gefragt. Ihnen sei da nichts bekannt, lautet die Antwort. Das läge wohl überwiegend an der Dezentralisierung, also der Verkleinerung der Unterkünfte und der Verteilung der Flüchtlinge.
Ob die Kapazitäten ausgereizt wären, will jemand wissen.  Dürr ist entschlossen: „Wir
entscheiden nicht, dass unsere Kapazitäten voll sind. Es wird jeder Flüchtling, der zu uns kommt, anständig behandelt.“ Und was sich die beiden wünschen? „Dass die Flüchtlinge weiterhin so gut aufgenommen werden und die Nachbarschaftlichkeit bleibt.“
Der Abend ist zu Ende. Es gab zwar keinen Film, aber trotzdem einiges zum Denken. Man geht nach Hause und weiß, dass sich etwas ändern muss in Deutschland und in Europa und auf der Welt. Und ist froh, dass es hier in Tübingen Menschen gibt, die helfen.

Clara Schneiderhan

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