Nie wieder Party-Drogen? Sascha und Sebastian wollen den Ausstieg

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Flugplatzfoto zum Thema Party - Drogen ( für Eike ) 26 . Juli 2016 Copyright : Anne Faden Bankverbindung : KSK Tübingen BLZ 641 500 20 Konto : 134 983 photo@annefaden.de

Sascha (links) und Sebastian versuchen derzeit, ein Leben ohne Party-Drogen zu leben. Das haben die beiden nämlich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr getan. Bild: Anne Faden

Seit ihrer Jugend haben Sascha und Sebastian Drogen im Kopf. Keine Party ohne. Kaum ein Arbeitstag ohne. Jetzt sind sie in Therapie und wollen den Absprung.


FLUGPLATZ:Hallo Sascha, hallo Basti: Respekt, dass ihr zum Interview bereit seid. Drogenkonsum ist ja nichts, worüber man selbstverständlich in der Zeitung spricht. Was für Drogen habt ihr in eurem Leben so genommen?

BASTI:Angefangen hat‘s mit Kiffen. Später kamen die typischen Party-Drogen der Techno-Sezene dazu: Amphetamine und Ecstasy, auch LSD ab und zu.

Wie alt wart ihr, als ihr zum ersten Mal was genommen habt?

BASTI: 14, da hab ich gekifft.

SASCHA: Ich hab mit 16 ab und zu gekifft. Dann ab 18 durchgehend.

Cannabis ist ja ziemlich weit verbreitet. Aber wie kommt man vom Kiffen zum LSD?

SASCHA: Wenn du feiern gehst, lernst du es halt irgendwann kennen.

BASTI: Oder so: Um kiffen zu können, musst du zum Dealer gehen. Und es gibt wenige Dealer, die nur eine Substanz verkaufen. Also hast du Kontakt zu anderen Substanzen. Und dann hocken da auch zwangsläufig Kumpels, die andere Sachen nehmen.

Und dann wirkt dieser onimöse Gruppendruck, von dem man immer so schön in der „Bravo“ liest?

BASTI: Eher nicht. Ich hab es zwar bestimmt auch gemacht, weil die anderen es gemacht haben: Aber deshalb, weil die halt einen Riesenspaß hatten. Es ging mir einfach ums Probieren.

SASCHA: Bei mir ebenfalls. Ich mach eigentlich immer nur das, was ich selber will. Und wenn man die ganze Zeit sieht, wie die Leute Spaß haben, probiert man es auch aus. Erstmal nur am Wochenende. Und dann mal öfter. Und dann irgendwann …

BEIDE: … täglich (lachen).

Mal aus reinem Interesse: Wie fühlt es sich denn an, LSD zu nehmen?

SASCHA: Schön. Du fühlst dich ziemlich euphorisch. Und du hörst zum Beispiel Musik anders.

BASTI: Oder Licht: Das siehst du nicht so, wie man es normalerweise sieht, sondern in allen Lichtspektren: in rot, grün, blau.

SASCHA: Verschiedene Muster verschwimmen ineinander….

Ihr fandet das offenbar ziemlich gut. Hattet ihr das starke Verlangen, es wiederzunehmen?

SASCHA: Nein, ich gar nicht.

Ihr seid derzeit also nicht wegen LSD in Therapie oben auf dem Bläsiberg?

Beide: Nein.

Wegen welcher Droge seid ihr denn in Therapie?

BASTI: Speed. Und MDMA – also Ecstasy.

SASCHA: Marihuana, Amphetamine und Party-Drogen.

Das ist ja eine ganze Menge. Habt ihr euren Konsum in den ganzen Jahren kontrollieren können?

SASCHA: Nein.

Würdet ihr also von Abhängigkeit sprechen?

BASTI: Auf jeden Fall.

SASCHA: Sicher. Ich habe meine komplette Ausbildung auf Amphetaminen gemacht. Weil es ziemlich leistungssteigernd ist. Du hast einfach ziemlich viel Power, den Tag durchzustehen.

BASTI: Ich hab die Erfahrung gemacht, dass ich mit guten Amphetaminen drei, vier Tage wach sein kann. Und dabei Leistung bringen kann.

Und nach den drei, vier Tagen?

SASCHA: Danach schläfst du.

BASTI: Und fühlst dich ziemlich mies.

Tagelang auf Droge, der Lebensstil dürfte, neben dem gesundheitlichen Risiko, auch ziemlich teuer sein.

BASTI: Auf alle Fälle. Ich habe schon mal locker 500 Euro an einem Wochenende wegbekommen.

SASCHA: Der Konsum ist teuer, das ist einfach so. Das tägliche Gras, dazu das Speed, dann kommen noch Zigaretten dazu. Und Essen natürlich. Mit einem normalen Job kann man sich das nicht besonders gut leisten.

Da liegt vermutlich die Versuchung nahe, sich ein bisschen was dazuzuverdienen. Indem man die Dinger auch weiterverkauft.

BASTI: Sicher, für viele ist es mit gelegentlichem Weiterverkaufen recht einfach, an Geld zu kommen: Du gehst zu deinem Dealer, holst dir ein paar Drogen mehr – und verteilst die im Club. Es gibt Substanzen, die kaufst du für einen Euro ein und verkaufst sie für 15. Und selbst, wenn der Dealer nicht da ist: dann kann man sich mittlerweile jede Art von Drogen auch im Internet bestellen.

SASCHA: Das ist auch der Grund, warum ich glaube, dass es derzeit eher schlimmer wird mit den Drogen als besser: Im Internet bekomme ich viele von den Substanzen, die ich früher vielleicht nie zu Gesicht bekommen hätte. Du musst die Leute nicht persönlich besuchen – sondern holst dir den Stoff zum Beispiel über Bitcoins aus dem Darknet.

Seit ein paar Monaten seid ihr in Therapie in Tübingen. Wie schlimm ist gerade der Entzug?

BASTI: Nicht schlimm. Auf den Drogen, die wir nehmen, gibt es auch keinen großen körperlichen Entzug. Nur psychischen.

Und das bedeutet für euch?

BASTI: Dass wir vor allem gerade lernen, clean zu leben. Körperlich geht es uns gut: Wir können genausogut joggen oder fahrradfahren wie alle anderen. Es geht bei uns vor allem darum, mal ein paar Monate lang Abstand von den Drogen und dem Lifestyle zu kriegen. Ich zum Beispiel habe seit meinem 14. Lebensjahr nicht einmal ausprobiert, wie es ohne Drogen ist.

Das Konzept auf dem Bläsiberg heißt unter anderem, dass ihr viel Sport macht. Außerdem wird, mit den Therapeuten und anderen Leuten dort, vermutlich geredet. Über Drogen?

SASCHA: Auch. Drogentherapie heißt aber nicht, dass du die ganze Zeit über Drogen redest. Bei mir zum Beispiel geht es eher um private Sachen: Familie, Freunde, so etwas.

BASTI: Wobei das auch Mythos ist: „Du nimmst Drogen? Du musst doch gewaltige Probleme im Leben haben!“ Manche Menschen probieren es einfach – und finden es toll. Davon wieder runterzukommen, ist trotzdem schwer – weil es auch darum geht, mit bestimmten Gefühlen neu umzugehen.

Ist denn die Gefühlswelt sehr anders, wenn man viel einwirft?

SASCHA: Bei mir schon. Du hättest mir zum Beispiel vor zwei Jahren ein teures Auto schenken können, einen Ferrari vielleicht. Und ich hätte höchstens gesagt: „Cool.“ – und das wär‘s gewesen.

Liegt das denn an den Drogen? Oder grundsätzlich an Deinem Charakter?

SASCHA:Nein, das liegt ganz klar an den Drogen. Bei vielen werden die Drogen ja auch unbewusst eingesetzt, um Gefühle zu unterdrücken. Gerade, wenn sie Probleme zuhause oder auf der Arbeit haben. Wenn jemand stirbt, zum Beispiel: Dann merkst du es zwar – aber es ist eine völlig andere Trauer, als wenn du klar im Kopf bist.

BASTI: Oder einfach im Alltag: Wenn am Freitag etwas beschissenes passiert, dann gehst du drei Tage feiern, und dann ist das Problem raus aus dem Kopf. Die meisten geben es nicht zu, dass sie Gefühle mit Drogen abtöten. Aber im Endeffekt ist es wohl bei den meisten so.

Was passiert später, wenn eure Therapie zuende ist?

SASCHA: Schwer könnte es werden, wenn nach der Therapie etwas Schlimmes passiert: Wenn du vom Job eine Absage bekommst oder deine Freundin Schluss machst – dann weißt du nämlich noch ziemlich gut, dass und wie du dich dicht machen kannst und die schlechten Gefühle nicht mehr merkst.

BASTI: Jetzt, in der Therapie, leben wir in einem geschützten Rahmen. Deshalb ist es derzeit absolut noch nicht schwer, keine Drogen zu nehmen.

SASCHA: Die große Frage ist außerdem: Was passiert, wenn du wieder zurück in den gewohnten Freundeskreis kommst? Da kommt man vielleicht schneller wieder in den Konsum rein, als einem lieb ist. Vermutlich muss man einen völligen Break mit allem machen. Kontrollierten Konsum, das ist meine Meinung, gibt es nicht.

Könnt ihr dann überhaupt in euer altes Leben zurückkehren?

BASTI: Ich trenne mich absolut von meinem alten Freundeskreis. Ich kenne die Leute, seit ich zehn bin – und hab alle Drogen mit denen angefangen. Das würde keine zehn Minuten dauern, wenn ich da wieder auftauche und mit denen feiern gehe.

Das wird vermutlich hart. Es sind schließlich deine Freunde.

BASTI: Ja, das sind supernette Leute. Darunter sind meine besten Freunde. Aber ich würde es nicht schaffen, in dem Kreis drogenfrei zu bleiben.

SASCHA: Es ist halt ein Kreislauf: Wenn du selbst Drogen nimmst, suchst du dir auch irgendwann deine Freunde danach aus, ob sie mit dabei sind. Und dann hast du plötzlich nur noch Kontakt zu Leuten, die Drogen nehmen.

Trotz dieser Schwierigkeiten wollt ihr ohne Drogen leben.

BASTI: Ja. Der Gedanke, dass es Scheiße ist, ist ja schon lange da.

Ihr beide wirkt in diesem Gespräch nicht so, als wärt ihr für euer Leben gezeichnet von den Drogen. Auf den ersten Blick wirkt ihr fit. Zudem habt ihr aus eurer Sicht offensichtlich, trotz der Risiken, auch positive Erfahrungen unter Drogen gemacht. Was die Sache mit dem Ausstieg nicht einfacher macht?

BASTI: Die Sachen schaden meiner Erfahrung nach vor allem im sozialen Umfeld. Wenn man von Freitag bis Samstag auf Party-Drogen feiern war, dann geht man mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit montags nicht zur Arbeit. Du musst die Sachen vor deiner Familie oder vor Freunden verstecken, du musst es vor der Polizei verstecken. Das ist Stress.

Am Schluss fragen wir euch beide mal als „Experten“: Soll eurer Meinung nach Gras legalisiert werden?

BASTI: Ich finde, ja. Zum einen, weil dann Gras keine Einstiegsdroge mehr wäre. Wenn man Gras legal bekommen würde, würde junge Leute nicht mehr beim Dealer hocken, der außerdem noch Heroin und andere harte Sachen anbietet. Außerdem wird Gras dadurch entkriminalisiert: Ich kenne nämlich einige Leute, die erst im Knast mit härteren Drogen angefangen haben.

Und andere Drogen?

BASTI: Bei Opiaten etwa oder und Benzodiazepinen bin ich für ein knallhartes Verbot. Aber Kriminalisierung ist auch nicht die Lösung für alles. Nehmt etwa die „Legal Highs“: Die sind ja auch legal, wie der Name schon sagt. Und dennoch gibt es kaum etwas Schlimmeres auf dem Markt.

SASCHA: Man darf auch nicht vergessen, dass zum Beispiel Tablettenabhängigkeit nicht kriminell, aber sehr verbreitet ist.

BASTI: Und natürlich Alkohol. Ist auch legal. Wenn man sich aber anschaut, wieviele Menschen im Jahr durch Alkohol umkommen – dagegen ist der Schaden durch Cannabis gar nichts.

 

Interview: Sophia Juraschitz, Vitaly Chaiko, Moritz Rentzsch

Drei Monate auf dem Bläsiberg
Sascha, 29, und Basti, 26, kommen beide aus der Region, haben nach ihren Schulabschlüssen Ausbildungen gemacht und in ihren Jobs auch gearbeitet. Derzeit sind beide in der Fachklinik für Drogenhilfe auf dem Bläsiberg in Therapie. Ihre Tage dort sind stark reglementiert (dreimal pro Woche dürfen sie derzeit raus), außerdem sehr sportbezogen: Es gibt Bogenschießen, Volleyball, Kraftsport, Klettern und weiteres. Gut 40 Leute leben derzeit auf dem Bläsiberg in vier Wohngruppen.

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