„Ist ja nicht so die Weltstadt hier“: Wahlkampfabschluss mit Angela Merkel in Haigerloch

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CDU-Wahlkampf-Abschluss: Guido Wolf, Angela Merkel und Thomas Strobl in Haigerloch (von links). Bild: Reinartz

Heute hat sich in meinem kleinen Heimatstädtchen eine regelrechte Sensation abgespielt: Bundeskanzlerin Angela Merkel kam nach Haigerloch, um den CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf und die CDU im  Wahlkampf zu unterstützen. Viele fragten sich, wieso sich die mächtigste Frau Deutschlands ausgerechnet hierher, ins abgelegene 10.000-Einwohner-Städtchen im Zollernalbkreis begibt.

von Stella Reinartz

 

 

 

Dieser Frage bin ich auf den Grund gegangen:  indem ich mich in meiner ehemaligen Schulsporthalle heute etwas umgeschaut habe und mir ein genaues Bild von der Aufregung und dem Aufwand gemacht habe, der das kleine Haigerloch heute etwas größer gemacht hat.

Von Berlin aus mit dem Flugzeug und dann mit dem Hubschrauber kam Merkel nach Haigerloch. Die 61-jährige, die ja bekanntlich eine Autorität in Europa darstellt (im Guten wie im Schlechten, von Brüssel aus über den Balkan und Griechenland bis hin zu der Türkei, die sie am Montag noch besucht hat) ist in aller Munde und stand heute in dem Felsenstädtchen.

Was das den Haigerlochern bedeutete und wie viel Eindruck wir der Kanzlerin wirklich hinterlassen konnten, wurde mir ab 10.30 Uhr vor Augen geführt: Dass da was los ist in Haigerloch, konnte der Besucher erst merken, als er kurz vor der kleinen Einmündung hielt, die an das Freibad und die Grundschule vorbei zu der robusten Witthauhalle führt, in welcher das Spektakel gleich losgehen sollte. Hier war auf einmal ein großer Aufgebot von  Feuerwehr,  Rotem Kreuz und  Polizei, die sich neben einem wahren Netz von rot-weißem Absperrband platzierte und sehnsüchtig auf das aufgestellte Angebot an Essen und Trinken schaute.

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CDU-Gegner warten auf Kanzlerin Angela Merkel in Haigerloch. Bild: Reinartz

Während sich immer mehr Menschen in die Sporthalle begaben, die noch wenige Stunden vorher von Polizeihunden durchsucht worden war, spielte die Stadtkapelle der Kleinstadt passenderweise „Take me Home, country roads“. Als Schülerin bin ich schon oft durch die Türen dieser Sporthalle gegangen – jedoch selten so motiviert. Und nie wurde meine Tasche nach einer möglichen Bombe durchsucht. Neben der Kanzlerin und dem Spitzenkandidaten Guido Wolf, waren heute der ehemalige Minister Ministerpräsident Erwin Teufel, der Landrat Günther-Martin  Pauli,  Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz, die Kreisvorsitzende Nicole Hoffmeiser-Kraut und viele weitere CDU-Mitgliedern aus Haigerloch präsent. Die Chefs großer Firmen waren vor Ort und natürlich die Gemeinderäte und Bürgermeister Heinrich Götz, der die Physikerin Angela Merkel vermutlich gerne noch mit dem berühmten Atomkeller von Haigerloch beeindruckt hätte.

In der Halle befanden sich zusätzlich über 70 Pressevertreter – von denen die Mehrheit noch nie in Haigerloch war oder noch nicht einmal davon gehört hatte. Die Pressevertreter von n-tv sind kurz vor der Veranstaltung durch Haigerloch gefahren – und finden das versteckte Städtchen mit dem kleinen Schloss „echt schön“, wie sie dem FLUGPLATZ erzählen. Die Vertreter von RTL, die von Stuttgart hergefahren sind und vorher noch in der Pfalz waren, wirkten recht entspannt: „Wir haben das ja schon öfters gemacht“, sagt ein RTL-Reporter: „Die Wahlkampfreden sind immer in so ländlichen Gegenden. Ich finde es recht süß hier. Die Leute freuen sich immer sehr und es ist echt angenehm hier zu arbeiten.“

Als Haigerlocherin sah ich paar Lehrer, Klassenkameraden und Nachbarn – doch waren die alle wegen der Politik da? „Wegen Angela“, sagte mir ein Schulfreund, der sich heute mit Jackett herausgeputzt hatte: „Wenn sie schon da ist kann man ja auch mal hin gehen“, gab Jasmin, eine Schülerin aus Haigerloch zu: „Ich mein – ist ja jetzt nicht so die Weltstadt hier.“ Ein Fotograf aus Haigerloch findet es lustig: „Mir ist egal ob schwarz, rot, gelb, blassrosa oder grün gewählt wird. Ich muss die Frau erleben, die Weltgeschichte schreibt.“ Insgesamt war die Halle mit beschaulichen 1400 Besuchern gefüllt.

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Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Haigerloch. Bild: Reinartz

Nach einem Interview mit der Landtagskandidatin, welches den vorderen Teil der Witthauhalle wie ein Fernsehstudio wirken ließ, spazierte die Kanzlerin in weinrotem Jackett und zahlreichem Gefolge in die Halle ein. Später konnte der FLUGPLATZ vom Organisator Joachim Rebholz und Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel erfahren, dass Merkel sich zuvor in meiner alten Grundschule gegenüber der Halle aufhalten musste – da sie wohl zu früh angekommen sei. Guido Wolf bezeichnet die laufende Wahl als „Schicksalswahl“, so betonte er es mit lauter Stimme und hoch roten Kopf, in seiner Rede. Und da hat er sich ausgerechnet mein kleines Städtchen ausgesucht, um sein Schicksal voran zu treiben? Das liegt daran, dass er einer von wenigen ist, die Haigerloch überhaupt kennen: „Oh ja, klar kenne ich Haigerloch. Ich habe hier schon nit vielen zu tun gehabt. Hier aus der Gegend, kommen viele gute Politiker. Deshalb Haigerloch“, erklärte Wolf voller Euphorie. Damit hat sich das „Warum“ geklärt? Die mächtige Kanzlerin kam an diesem Tage um kurz vor halb zwölf richtig zu Wort, sie freue sich den Wahlkampf in Haigerloch „ausklingen“ lassen zu dürfen, sagte sie: „Danke, dass ihr an einem Samstagmorgen hier seid, und nicht einkaufen“, begann Merkel ihre lange Rede.

Der Beginn ihrer langen und durchaus humorvollen Rede wurde von den Pfiffen von fünf bis zehn Demonstranten begleitet, die durch die großen Scheiben der Halle hinein schauten. Sie wurden indes bald von lautem Applaus in der Halle übertönt – nachdem Merkel den Zuhörern nochmal vermittelte, dass vor ihnen hier in Haigerloch die Kanzlerin als „Produkt der Deutschen Einheit“ stehe. Auch Sie erkannte, dass sich neben den Wählern, auch viele Kinder befanden und lobte dies sehr. Nach einem großen Foto mit allen den Wichtigen Leuten, die heute da waren (und einem Selfie mit unserer Stadtkapelle), fuhr Merkel in einer kleinen Karawane so schnell wieder aus Haigerloch her raus, wie sie gekommen war. Die Feuerwehr verriet, dass dieser Auftritt für sie ein Job wie jeder andere sei – und nicht viel mehr.

So sieht es jeder mit anderen Augen. Das machte das für die Kanzlerin kleine Event für viele normalen Bürger sehr aufregend. Wer weiß, wann das Felsenstädtchen wieder so einen großen Besuch bekommt? Der letzte Kanzlerbesuch war der von Kurt Georg Kiesinger – und das liegt 47 Jahre zurück. Die Frage warum die Kanzlerin ausgerechnet hier war und nicht wo anders, sollte man sich vielleicht nicht stellen: Wenn eine so berühmte Person, ob im Guten oder Schlechten „berühmt“, in seine Heimat kommt – dann darf man das einfach mal auf sich wirken lassen.

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Stella Reinartz

Geboren bin ich 1998 in Köln, heute wohne ich in Haigerloch und gehe auf die St. Klara Schule in Rottenburg. Ich habe Spaß am Schreiben, daher bin ich nach meinem Praktikum beim "Schwäbischen Tagblatt", beim Flugplatz gelandet. 🙂