Im Schutz der Anonymität

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Ines Kunze Bild: Metz

FLUGPLATZ-Autorin Ines Kunze über das Social-Media-Netzwerk Jodel.

Es ist 8.30 Uhr, eine Gruppe übermüdeter Studenten steht im Uni-Gebäude unerwartet vor verschlossenen Türen. Die Vorlesung fällt aus. Eine Kommilitonin schreibt von zuhause: „Aber das hat doch vorhin jemand gejodelt!“ Gejodelt?

„Jodel“, eine Art anonymes Studenten-Twitter, wurde 2014 von dem damaligen Studenten Alessio Borgmeyer veröffentlicht. Seitdem ist die App so beliebt geworden, dass sie auch für den US- Markt getestet wird. Das Prinzip ist simpel: Wie bei der namensgebenden Tätigkeit erreichen den Nutzer Nachrichten aus einem Radius von rund zehn Kilometern, ohne dabei mehr über den Sender preiszugeben als die grobe Entfernung. Und genauso anonym kann jeder eigene Nachrichten aussenden. Dazu ist keine Anmeldung nötig.

Wer einen Beitrag verfasst, wird mit „OJ“ für „Original Jodler“ gekennzeichnet – und die Kommentierer des Beitrags bekommen der Reihenfolge nach Nummern zugewiesen. Diese sogenannten „Jodel“ können hoch- und runtergevotet, kommentiert und auch als regelwidrig gemeldet werden. Die Regeln sind streng: Verboten sind Namen, Spoiler, wiederholte Postings. Wer Unbeliebtes schreibt, wird gnadenlos runtergevotet. Er verliert damit an „Karma“, der offiziellen Jodel-Währung.

Allgemein kommt man sich auf Jodel oft vor wie in einer kleinen Parallelwelt: Einander wildfremde Menschen plaudern über intime Erfahrungen, Begriffe wie „Lörres“, „Möppes“, „AJ“ oder klassisch „#dlrh“ bilden eine Art Jodelslang. Und ganz wichtig: Schüler raus!

Getreu dem Slogan „Darüber sprechen Studenten an deiner Uni“ sind in Deutschland hunderttausende Jodler aktiv. Einige Fälle zeigen, dass zumindest in Tübingen bis zu 3000 Jodler dabei sein müssten. Die Inhalte der Posts reichen von Katzenbildern über Dr. Sommer-Beratungen bis zu Unterhaltungen, die im echten Leben fortgesetzt werden. So finden sich oft Menschen, die einsam sind und beschließen, abends gemeinsam wegzugehen. Und in der Grundschule hieß es noch: Rede nicht mit Fremden aus dem Internet…

Wie weit das Vertrauen in die Jodel- Nutzer zum Teil geht, zeigt ein Fall aus München: Aus zweideutigen Kommentaren über ein Bordell wurde hier schnell eine Masse aus Scherzbewertungen. Daraufhin wurde von mehreren unwissenden Kunden berichtet, die in der Erwartung anreisten, an dieser Stelle ein Restaurant vorzufinden.

Jodel kreiert für den Nutzer ein Gefühl der Gemeinschaft und der Authentizität, das schnell süchtig macht. Bestätigt durch in die Höhe schnellendes Karma und berauscht von der Macht, Dinge als gut oder schlecht bewerten zu können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, verbringt manch einer Stunden auf der App.

Doch gleichzeitig hat Jodel auch etwas Einzigartiges: Es bietet die Möglichkeit, sich fast komplett frei und schamlos über Dinge auszutauschen, die man sich niemals trauen würde, in einer realen Gesprächssituation anzusprechen. In einer Gesellschaft, in der sonst fast jede Äußerung dokumentiert und archiviert wird, hat es etwas Befreiendes, auf Jodel eine Community zu finden, in der Menschen scheinbar offen über ihre Ängste, Probleme, und sonstige Belastungen sprechen. Oft kommt es so zu großartigen Fällen, in denen Jodler Unterstützung erfahren, ihre Geschichte teilen, die ganze Community mitfiebert und sich dann über ein glückliches Ende gar nicht mehr einkriegt. Auch wenn sich manche Topjodel als erfunden herausstellen – aber das ist eine andere Geschichte.

von Ines Kunze

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