Geknebelt, gefesselt, bedroht – Folteropfer auf der Bühne und auf der Welt

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7. Mai 2015 – das Zimmertheater zeigt das Stück „Der Tod und das Mädchen“ von Ariel Dorfman. Es geht dabei um Paulina, die unter der Diktatur von Augusto Pinochet in Chile monatelanger Folter und Vergewaltigung ausgesetzt war. Jetzt, 15 Jahre später, ist sie immer noch gefangen in ihren Gedanken an die schrecklichen Taten und sehnt sich nach Rache an ihren Peinigern.

– von Clara Schneiderhan

Sobald die Musik von Schubert gespielt wird, ist es mit ihrer Selbstbeherrschung am Ende. Denn Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ wurde ihr immer und immer wieder vom „Doktor“, einer der Folterknechte, vorgespielt.  Paulina ist außer Sich, als ihr Mann Eduardo einen Mann nach Hause bringt. Sie glaubt, ihn ihm ihren Peiniger von damals, den „Doktor“ zu erkennen. Sie fesselt ihn und möchte Rachen nehmen.
Und quält ihn nun selbst mit Schubert. Eduardo, der für die Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen unter der Militärdiktatur arbeiten soll, weiß nicht, wem er glauben soll. Und ist hin- und her gerissen zwischen Mitgefühl für seine psychisch kranke Frau und seinem Verständnis von Menschenrechten- keiner hat das Recht, den anderen zu fesseln und zu quälen, egal was davor war. Für ihn gibt es kein „Wie du mir, so ich dir“. Paulina möchte ein Geständnis. Doch was, wenn Roberto Miranda unschuldig ist? Das zumindest beteuert er. Zunächst.

Das Stück raubt einem den Atem. Die drei Schauspieler stecken tief in ihren Rollen, man nimmt ihnen jedes Gefühl ab, das manchmal schlagartig wechselt. Paulina ist schwer einzuschätzen, eine Wahnsinnige oder nur eine Frau, der wahnsinnig schlimme Dinge geschehen sind? Eduardo steht für Gerechtigkeit, ist sich aber auch nicht mehr sicher, worin sie besteht. Und Roberto Miranda ist hilflos und gleichzeitig gefühlskalt. War er es wirklich? Hat er seine Taten nur verdrängt oder sind sie ihm gleichgültig?!

Nach der Vorstellung brauchen die Zuschauer erst ein mal einen Augenblick Zeit, um durchzuatmen. Dann geht es im Foyer weiter. Die Hochschulgruppe von Amnesty International ist heute zu Gast. An ihrem Stand sammelt sie Unterschriften für die Aufklärung von Folter in den Philippinen und durch die C.I.A. Der Intendant Michela Hanisch lädt das Publikum zu einer Diskussion mit einem der Mitglieder der Hochschulgruppe ein. Zunächst geht es um die Hintergründe des Stückes, die damalige Situation in Chile. Dann sprechen Michael Hanisch und Benjamin Kunz über die heutige Situation. Kunz erzählt vom Amnesty-Folterbericht, der letztes Jahr erschienen ist. In 141 Ländern hat die Organisation Folter und Misshandlungen feststellen können. Oder besser müssen. Denn eigentlich gilt die Anti-Folterkonvention der Vereinten Nationen, die von rund 150 Staaten unterschrieben wurde. Dagegen versuche Amnesty International anzukämpfen, erklärt Kunz. Mittels Petitionen an Regierungsmitglieder und Gefängnisleiter beispielsweise. Aber auch die öffentliche Aufmerksamkeit spiele eine große Rolle.
Viele Opfer von Menschenrechtsverletzungen gäben die Rückmeldung, dass es für sie eine große Unterstützung sei, wenn sie mitbekämen, wie sich Menschen weltweit für sei einsetzten. „Wenn man verschleppt und irgendwo gefangen gehalten wird, ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit weiß, wo ich bin“. Auch Paulina im Stück meint, dass sie hätte schreien sollen, als man sie gefangen nahm, anstatt sich wortlos zu fügen.
Die Diskussion dreht sich um Fälle wie den von Elisabeth Käsemann, die Folter der C.I.A., die Ukrainekrise. Am Ende ist man sich einig, dass es wichtig ist, nicht wegzuschauen. Dass Folter und Menschenrechtsverletzungen für uns in Deutschland manchmal sehr weit weg, aber  weltweit bitterer Alltag sind. Und wenn man das wieder vergisst, ist es Zeit, ins Theater zu gehen und sich Stücke wie „Der Tod und das Mädchen“ anzuschauen. Denn das lässt einen so schnell nicht los.

Die nächsten Aufführung sind am 3., 4. und 6. Juni.

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