Gedanken wie kleine Teufel

Von am

Ein Junge, gerade mal zehn Jahre alt, wird in der Psychiatrischen Klinik Tübingen eingeliefert. Seine Depression bleibt zunächst unentdeckt, da er nicht die normalen Symptome zeigt. Er ist aggressiv zu anderen, nicht kraftlos und leer. Doch dann stellt sich heraus, dass dieser Junge eigentlich nur traurig ist: Er ist unzufrieden und versteckt sich.

Von diesem Fall erzählte Tobias Renner kürzlich in seinem Vortrag zum Thema: „,Der ist doch nicht traurig! Oder?‘ Depressive Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter“. Renner ist Ärztlicher Direktor der Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter. In einer Vortragsreihe, die die Kinder-und Jugendpsychiatrie, deren Förderverein „Schirm“ und die Staaliche Schule für Kranke gemeinsam ausrichten, geht es noch bis zum 19. Oktober um „Auffällige Kinder und Jugendliche“.

Früher glaubte man, Kinder könnten gar keine Depressionen bekommen. Tatsache ist jedoch, dass viele Kinder und Jugendliche unter Depressionen leiden. Sie lasten auf den Betroffenen wie eine schwarze dicke Wolke und lassen ihnen kaum Platz zum Atmen.

Die Symptome einer Depression sind je nach Alter unterschiedlich. Bei Kindergartenkindern zeigt sie sich in vermehrtem Weinen, Ausdrucksarmut, gestörtem Essverhalten, Ein- und Schlafstörungen und Spielunlust. Bei Kindern im Schulalter ist es etwas anders, sie sprechen ihre Trauer durchaus auch an. Auch hier zeigen sich ein gestörtes Essverhalten (wie Appetitlosigkeit) und Schlafstörungen. Sie wollen sich nicht mehr bewegen, der Sport wird vernachlässigt. Sie leiden unter Interessenverlust und Zukunftsangst. Sie hegen zum Teil sogar Suizidgedanken, was man von einem doch noch recht kleinen Kind nun wirklich nicht erwarten würde!

Zum letzten Schritt, der Umsetzung solcher Gedanken, kommt es meist erst im Jugendalter. Zeichen für Depressionen bei Jugendlichen sind Pessimismus und sehr starke Selbstzweifel. Gedanken wie „ich bin nicht gut genug“ und „mir misslingt alles“ schwirren ihnen durch den Kopf. Diese Gedanken sind wie kleine Teufel, die überall lauern. Jugendliche mit Depressionen verlieren den Appetit, die Freude am Leben und ziehen sich in ihr Bett zurück, sie leiden an Schlafsucht. Nicht wenige sehen irgendwann keinen anderen Ausweg als den Tod. Auch Aggressivität ist ein Symptom, obwohl sie das Gegenteil von Schlafsucht ist, weil hier zu viel Energie vorhanden ist, die gegen andere gerichtet wird.

Durch Selbstverletzung wollen manche Kontakt aufnehmen. Sie wollen zeige, wie schlecht es ihnen geht, und hoffen auf Hilfe. Andere verletzten sich auch selbst, weil sie dann das Gefühl haben, als schwände der Druck wirklich, der auf ihnen lastet. Wenn sie sich ritzen und das Blut fließen sehen, fühlen sie keinen Schmerz. Das Schmerzgefühl setzt vielleicht erst später ein oder bleibt ganz aus. Man kann allerdings nicht sagen, dass Ritzen immer eine Vorstufe zum Suizid ist.

„Hunde, die beißen, bellen nicht“, doch jemand, der davon spricht, Suizid zu begehen, sollte auf jeden Fall ernst genommen werden, da es diese Personen in acht von zehn Fällen laut Statistik wirklich probieren. Auch der Fehlschlag eines Suizids ist keine ganze Entwarnung, da es viele wieder versuchen, wenn sie keine Hilfe bekommen.

Oft sind schlimme Ereignisse im Kindesalter, die nie richtig verarbeitet wurden, ein Grund für eine Depression. Hierzu zählen der Verlust eines geliebten Menschen, die Trennung der Eltern, Missbrauch und Vernachlässigung. Schulische Überforderung, in seltenen Fällen auch Unterforderung, ist ebenfalls ein möglicher Grund. Zusätzlicher Druck durch die Eltern und Sätze wie „Du musst eine gute Note schreiben“ oder „Du hast nur eine Zwei im Zeugnis? Das musst du nächstes Mal besser machen“ vermindern das Selbstwertgefühl. Auch eine Erkrankung oder die einer nahe stehenden Person kann eine Depression auslösen.

Bei anderen psychischen Erkrankungen wie Magersucht sind Depressionen nicht selten ein „Begleiter“. Depressionen können auch vererbbar sein, zumindest ist das Risiko, selber Depressionen zu bekommen, höher, wenn ein Eltern- oder Großelternteil welche hat oder hatte. Insgesamt leiden mehr Mädchen und Frauen an Depressionen.

Unglaublich ist auch, wie viele Personen den Suizid Prominenter oder den in einem Buch oder Film geschilderten nachahmen. Man muss nur an Goethes „Werther“ denken und die vielen Nachahmer aus ganz Europa. Auch als Robert Enke, der ehemalige Torwart der Nationalmannschaft, sich 2009 vor den Zug warf und der Fall durch die Medien ging, fanden sich Nachahmer.

In der Psychiatrischen Klinik Tübingens reden die Ärzte zuerst mit den Eltern des Kindes und dann mit dem Kind. Sie beobachten das Verhalten des Kindes und sprechen, falls möglich, mit den Erziehern oder dem Lehrer. Sie versuchen, sich ein möglichst klares Bild von dem Kind zu machen. Sie versuchen, belastende Faktoren wie zum Beispiel Konflikte zu lösen und fördern das positive Denken. Sie stärken das Selbstwertgefühl des Kindes auf spielerische Weise und fordern es auf, seine alten Aktivitäten, die ihm Spaß machten, wieder aufzunehmen.

Bei Jugendlichen werden während der Therapie Gespräche über ihre Probleme, Ziele, Gedanken und Gefühle geführt. Sie werden aufgefordert, ihre Probleme und Ziele aufzuschreiben und dann an einer Lösung der Probleme und einem Weg zu den Zielen zu arbeiten. Bei Jugendlichen und Kindern wird der Alltag durchstrukturiert und ein Tagesplan erstellt. Um das Selbstbewusstsein zu stärken, sollten sie sich auch selber mal loben, wenn sie etwas gut gemacht haben, und nicht noch besser sein wollen. Der Gedanke „Mir misslingt alles“ sollte am besten aus dem Kopf vertrieben werden!

Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist sehr wichtig, auch von ihrer Seite sollte hier und da mal ein Lob kommen, zu Beispiel bei einer guten Klassenarbeit. Außerdem müssen die Eltern aufgeklärt werden und sollten doch ebenfalls genügend Zeit zum Ausspannen haben, da auch sie belastet sind und sich stärken müssen, damit sie eine positive Ausstrahlung haben.

Depressionen sind schlimm, aber man kann etwas dagegen unternehmen. Man muss sich nur Hilfe suchen und sich helfen lassen. Es gibt Therapien und auch Medikamente gegen sie. Die Medikamente brauchen zwar Zeit, um zu wirken, (je nach Medikament etwa vier Wochen), und schlagen nicht immer an, aber man darf auf jeden Fall nicht aufgeben.

The following two tabs change content below.

Sophia Juraschitz

Neueste Artikel von Sophia Juraschitz (alle ansehen)

  • Rafael

    Sehr schöner und informativer Artikel!
    Einige meiner besten Freunde sind depressiv, daher kenne ich die Symptome und Auswirkungen einer Depression relativ gut. Leider nimmt der Großteil unserer Gesellschaft eine Depression nicht ernst, da sie ja kein offensichtlich physisches Leiden ist…
    Sätze wie „Du hast doch gar keinen Grund, depressiv zu sein“ helfen niemanden, sondern machen es nur schlimmer. Womit jeder helfen kann, ist, für einen Betroffenen da zu sein und ihm zur Seite zu stehen. Wenn es schlimm wird, tut es gut, wenn man denjenigen mit auf einen Ausflug nimmt oder etwas anderes unternimmt, um aus seinem Alltag auszubrechen.