FLUGPLATZ-Fluchtgeschichte Nr.3: Über das Meer in einem Boot

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641_008_617656_stepmap_karte_vietnam_deutschland_1471249Name: Thi Anh-Dung Nguyen
Heutiger Wohnort: Reutlingen
Geboren: 1966 in Thanh, Vietnam
Geflohen: 1979, mit 13 Jahren

„Heute“, sagt Thi Anh-Dung Nguyen, „finde ich meine Erfüllung darin, den Leuten zu helfen, die wie ich das Leiden der Flucht und den Krieg hinter sich haben. Ich möchte ihnen Kraft geben, die Vergangenheit zu vergessen und eine neue Zukunft aufzubauen.“

Thi Anh-Dung lebt in Reutlingen, engagiert sich in der katholischen Gemeinde und in der Gesellschaft. Gerade 13 Jahre alt war sie, als sie mit ihrer Schwester aus dem Süden Vietnams geflohen ist. Die Situation war kritisch: Armut, Verwüstungen und Glaubensstreit herrschten in den Städten. So auch in Thanh, This Herkunftsort.

Es war während einer Schulwoche, als Thi und ihre Schwester nach einem Kirchenchor von Verwandten abgeholt wurden. Die beiden Mädchen wussten nicht, wo sie hinfuhren, die Verwandten sagten nur: „Es geht für euch weg.“ Es ging an die Küste, wo Thi, ihr Onkel und ihre Schwester in ein kleines Boot stiegen. Damit fuhren sie mit anderen Flüchtlingen nach Malaysia, wo sie zu einem Flüchtlingslager fanden. Bereits bei der Seefahrt im südchinesischen Meer begannen die Schrecken: Seeräuber jagten nach dem Boot und mehrmals geriet es in heftige Stürme.

Mit der Unterstützung Deutschlands durften sie von Malaysia mit einem Flugzeug weiter nach Europa, wo Thi und ihre Verwandten über den Landweg nach Stuttgart kamen. Die Erlebnisse des Krieges und der Reise wird Thi Anh-Dung niemals vergessen können. Die erste Zeit in Deutschland beschreibt sie als sehr schlimm: Sie litt unter Depressionen und Heimweh. Alles war für sie verloren, das Zuhause, die Eltern, die Freunde und die Gemeinde.

„Ich fühlte eine erdrückende Leere in mir. Ich betete Rosenkränze, um nicht in Depressionen zu verfallen, die gaben mir Kraft“, erzählt Thi. Glücklicherweise halfen die deutsche Gemeinde, die Kirchenmitglieder, Landsleute und insbesondere die eine Familie, die Wunderlichs, die sie und ihre Schwester in ihrer Familie aufnahmen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich zwischen ihnen ein familiäres Verhältnis. Auch in der Schule kümmerten sich die Lehrer und Sozialmitarbeiter um die beiden, sodass die Thi und ihre Schwester Deutsch lernten und ein neues Leben aufbauen konnten.

Heute leidet Thi noch immer unter den Erinnerungen und Heimweh, liebt aber ihr Zuhause, besonders die Demokratie und die damit verbundene Freiheit und Verantwortung für das Land, die Gesellschaft, die Gemeinde und die Familien. Trotz der inneren Krisen hilft Thi in ihrer Gemeinde den Mitmenschen, besonders denen, die Schwierigkeiten des Neuanfangs und der Integration haben, zu bewältigen.