FLUGPLATZ-Fluchtgeschichte Nr.2: Flucht in Deutschland

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Karte: Rafael Winniger (Quelle: StepMap, 123map – Daten Openstreetmap, Lizenz Odbl 1.0)

Name: Hartmut Ebeling
Heutiger Wohnort: Mössingen
Geboren: 1942 in Halle an der Saale / DDR
Freigekauft: 1978, mit 36 Jahren

Zur Zeit der deutschen Teilung in Ost und West versuchten viele DDR- Bürger, in den Westen zu fliehen. Hartmut Ebeling und seine Frau Christiane leben heute in Mössingen – 1978 kamen sie als Freigekaufte in die Bundesrepublik.


Das ehemalige Ostdeutschland beschreibt Ebeling als ein verlogenes, diktatorisches Regime, in dem es weder Rede-, noch Meinungs- oder Pressefreiheit gab: „Wir wurden als Kinder so erzogen, immer in allen Situationen nur das Richtige zu sagen“, so Ebeling. Für die eigenen Kinder wünschte sich das junge Paar etwas anderes.

Über Freunde wurde die  Verbindung zu einer Fluchthilfeorganisation hergestellt. Geplant war eine Flucht über die heutige B5, die als Transitstrecke zwischen Ost- und Westberlin häufig für Fluchtversuche genutzt wurde. An einem ausgemachten Treffpunkt sollten Ebeling und seine Frau in ein Auto steigen und von Schleusern in den Westen gebracht werden. „Aber es kam kein Auto“, erzählt Ebeling, „sondern ein russischer Vier-Takter, der uns verfolgt und fotografiert hat“.

Die Fahrerin des Stasiwagens erkannte Ebeling später bei seiner Gerichtsverhandlung wieder. Denn ein Tag nach dem gescheiterten Fluchtversuch wurde das Paar in Halle verhaftet. „Man hat uns bedroht, wenn wir nicht die Wahrheit sagen, wird mein kranker Vater verhört“, erzählt Ebeling. Außenstehende in den Fall hineinzuziehen wollte er unbedingt vermeiden.

Ebeling behauptete, sich auf dem Keilberg mit Fluchthelfern getroffen zu haben. Vom Ski-Langlauf hatte er einen Grenzstempel und seine Aussage wirkte glaubhaft. Fluchthilfe wurde laut geltendem Gesetz als „staatsfeindlicher Menschenhandel“ verfolgt. Das Strafmaß waren dreieinhalb Jahre Haft für Ebeling selbst, als Anführer der „Ehebande“, und drei Jahre für seine Frau.

1978 folgte doch noch der Weg in die Freiheit: Ebeling und seine Frau gehörten zu den politischen Häftlingen, die von der Bundesrepublik freigekauft wurden. Mit dem Verkauf von politischen Häftlingen an die Bundesrepublik, der als legaler Menschenhandel galt, verdiente die DDR Milliarden und konnte gleichzeitig Staatsfeinde loswerden. „Leute wie wir wurden einfach verkauft!“ Für Hartmut und Christiane Ebeling war es nach 22 Monaten Haft endlich der Weg in die Freiheit.

Mit dem Bus ging es direkt aus dem Gefängnishof über die Grenze in ein Auffanglager für DDR-Flüchtlinge in Gießen. Ebeling war noch nie zuvor in der Bundesrepublik gewesen, aber er fand sofort, in einem besseren Land und in einer besseren Gesellschaft angekommen zu sein.

Die Aufnahme in Deutschland beschreibt Ebeling als prinzipiell gut. „Eine typisch westdeutsche Frage war immer: ,Wie fühlen Sie sich, seit Sie nach Deutschland gekommen sind?‘ – Und ich dachte nur: ,Ja, wo waren wir denn vorher?’  In der DDR gab es viel mehr gesamtdeutsches Denken.“

Er wurde an der Tübinger Uniklinik angenommen, wo auch seine Frau später arbeiten konnte. Zwei Kollegen haben ihm gleich einen zinslosen Kredit angeboten, was Ebeling ablehnte, aber trotzdem sehr hilfsbereit fand.

Nicht alle Erfahrungen waren ausschließlich positiv. Weil er seine Ausbildung in der DDR gemacht hatte, wurde Ebeling von der Klinikleitung niedriger eingestuft als seine Kollegen und trotz gleichem Ausbildungsstand schlechter bezahlt. Er gewann zwar den Rechtsstreit, aber für eine Nachzahlung des Gehalts war es zu spät.

Über die DDR sagt Ebeling heute, dass man sich viel zu spät gewehrt hat: „Man wurde für unmündig erklärt und hat es nicht geschafft, die einfachsten Rechte durchzusetzen.“

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Maike Wilhelm

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