Flucht mit 14 Jahren: kein Disneyland

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Die 15 jährige Syrerin Gufran aus Dusslingen Bild ULi Rippmann

„Lass mich in andere Länder reisen“: Gufran kam im Herbst 2014 mit 14 Jahren nach Deutschland. Bild: Uli Rippmann

Als Gufran 14 Jahre alt war, stieg sie mit hunderten weiteren Flüchtlingen in der Türkei auf ein marodes Frachtschiff. Anderthalb Jahre später lebt sie in Dußlingen und weiß, was „Kreisbaugesellschaft“ bedeutet. Hier ist ihre Geschichte.

– von Moritz Rentzsch, Sophia Juraschitz, Vitaly Chaiko

 

Die syrische Hauptstadt Damaskus ist riesig. Eine Metropole voller Autos, voller Läden und voller Menschen. Laut, impulsiv und lebendig. Alles ist in einem einzigen endlosen Stau gefangen. Der Stadt-Bus taucht geradezu zeitlos auf – gerade so, wie er will. Gassen, Straßen und Boulevards sind gesäumt von tausenden Shops. Gufran gefiel es stets im lauten Trubel von Damaskus, der überraschenderweise gar nicht so anonym ist, wie man denken könnte: „In Syrien kennt man sich“, erzählt sie: „Wenn mein Vater durch die Straßen läuft, grüßt er die Menschen, die ihm begegnen.“

Gufran, das Mädchen, das mit 14 Jahren Syrien verließ, liebt ihre Heimatstadt, die so ganz anders ist als Deutschland, anders ist als das kleine Dußlingen, in dem sie heute lebt. „In Deutschland ist es für mich weniger interessant auf der Straße“, sagt sie in ihrem verblüffend gute Deutsch: „Alle Menschen sind hier mit Kopfhörern unterwegs.“ Aber auch das ist wahr: In Deutschland muss Gufran nicht um Leib und Leben fürchten.

In ihrem alten Leben ging Gufran bis zur neunten Klasse in eine Halbtagsschule. Der Unterricht dort war ganz anders als hier in Deutschland: „In Deutschland ist die Schule offener“, erzählt sie: „Hier sprechen wir beispielsweise über Sexualität.“ Im Gegensatz dazu sei das syrische Schulsystem konservativ und streng. Jeder Schüler trägt eine graue Hose, kombiniert mit geschlechtertrennenden pinken und hellblauen Hemden. Die Haare der Mädchen sind pflichtmäßig zusammengebunden – und geschminkt zum Unterricht aufzutauchen ist streng verboten. „Wir gehen nicht zur Hochzeit, sondern lernen“, sagen die Lehrerinnen gerne zur Begründung.

Der arabische Pop-Song „Lass mich in andere Länder reisen“ ist derzeit Gufrans Favorit von den vielen MP3s auf ihrem kleinen Smartphone. Große Sehnsucht schwingt in den orientalischen Rhythmen mit. Der Text handelt davon, nicht mehr in Syrien, nicht mehr im Krieg leben zu können – und stattdessen unabhängig in fremde Länder zu reisen. Er entspricht Gufrans realer Welt vollkommen: „Ich hatte in Syrien keine Hoffnung mehr“, sagt sie: „Zu Beginn des Krieges dachten wir, es wird bald besser – aber es wurde alles nur noch schlimmer.“ Weil auch die Wohnung der Eltern von Bomben getroffen wurde, zog Gufrans Familie irgendwann in einem Vorort von Damaskus. „Ich hatte Angst vor der Polizei“, erzählt sie, „vor den Militärs, die Menschen verschleppen – und vor den Bomben, von denen wir oft nicht wissen, woher sie kommen“.

6000 Dollar für die Überfahrt

Gufran entschloss sich Mitte 2014, es zu wagen: Zusammen mit ihrer Tante zu fliehen und die übrigen Mitglieder der Großfamilie notgedrungen zu verlassen. „Ich habe zu meinem Vater gesagt, ich will weg“, sagt sie. Weil immerhin die Tante – kaum älter als Gufran und studierte Anglistin – dabei sein würde, willigte die Familie ein, die teure Flucht der Tochter zu finanzieren.

Schon früher hatte Gufran den Wunsch gehabt, in Deutschland zu studieren, erzählt sie. Ein Freund der Familie hatte es vor dem Krieg genauso gemacht – und Gufran fand die Fotos schön, die es im Internet von Deutschland und seiner Landschaft gibt. „Als kleines Kind habe ich die Bilder aus Deutschland gesehen“, sagt Gufran: „Die Natur und die Flüsse, aber vor allem die schrägen Dächer – die sahen für mich aus wie in Disneyland.“

Im September 2014 hatten sie und ihre Tante alle Vorbereitungen getroffen und sie begaben sich auf den Weg. Ihre Flucht, erklärt Gufran, führte sie zunächst in die Türkei – dort sollten sie mit Schiffen weiter bis nach Italien kommen. Gufran und ihre Tante wollten unbedingt in Italien ankommen: Von ihrem Onkel hatten sie gehört, dass die Balkanroute – später die Strecke von hunderttausenden von Flüchtlingen – viel gefährlicher und schwieriger sei. Gufrans Familie zahlte den Schleppern für den Weg nach Italien pro Person 6000 Dollar.

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Gufrans Flucht-Route: von Damaskus an die türkische Grenze, zu Fuß über die Berge. Von der Hafenstadt Mersin aus mit mehreren Booten und schließlich einem Schleuser-Frachter nach Italien. Im Kleinbus von Mailand durch Österreich nach München – und dann über Karlsruhe nach Tübingen. Grafik:Uhland2/Gräter

Die Grenze zur Türkei mussten Gufran und ihre junge Tante zu Fuß durch die Wildnis überqueren, da die gewöhnlichen Straßen von der türkischen Polizei bewacht wurden. Die Flüchtlinge waren in einer Gruppe von zehn bis zwölf Personen in den Bergen auf engsten Pfaden unterwegs. Männer trieben sie zur Eile an. „Alle unsere Kleider waren kaputt“, schildert Gufran die Wanderung. In der türkischen Hafenstadt Mersin, eine Hochburg der Schlepper in der Türkei, blieben sie eine Woche lang in einem Hotel. Dann brachte ein Schleuser sie ans Meer in eine Wohnung, wo sie weitere drei Wochen ausharren mussten. Einmal am Tag, erzählt Gufran, kam ein Mann vorbei – und jedes Mal versicherte er ihnen, sie würden ganz bestimmt am nächsten Tag fahren. Doch drei Wochen lang geschah gar nichts.

Dann endlich kam die Nacht der Abreise. Gufran und ihre Tante wurden auf einen kleinen Kutter gebracht. Dort erwarteten sie sechs fremde Schlepper und eine unübersehbare Anzahl anderer Flüchtender. Der Kapitän auf diesem Boot, sagt Gufran, war sehr grob – daher waren sie und ihre Tante froh, nicht lange auf dem Kutter bleiben zu müssen. Denn einmal auf dem Meer angelangt, wurden die Flüchtlinge schon bald auf ein anderes Schiff verladen.

Dieses zweite Schiff war schon deutlich größer als das erste. Das Wetter auf hoher See verschlechterte sich. Der Wind frischte auf und ein Unwetter mit heftigen Regengüssen bracht das Schiff zum Schwanken. Dreimal neigte es sich so schief, dass Gufran Angst hatte, sie könnten kentern: „Es hat nicht viel gefehlt und wir wären ertrunken“, erzählt sie. Später mussten die Flüchtlinge auf offenem Meer ein weiteres Mal auf ein drittes Schiff, das noch größer war, umsteigen. Diese Art der Flucht war vor allem im Herbst 2014 eine bei Schleppern sehr beliebte Organisationsform ihres Geschäfts: Sie kauften in Häfen wie Mersin große Frachtschiffe für wenige 100000 Dollar – und brachten dort mehrere hundert Flüchtlinge unter, die jeweils tausende von Dollar zahlten. Die Schiffe blieben zwar oft in Italien. Dennoch war es unter dem Strich ein überaus profitables Geschäft.

Auf den Schiffen, mit denen Gufran und ihre Tante mit hunderten anderer Flüchtlinge das Mittelmeer kreuzten, gab es nur wenig Essen. Gufran erzählt zwar, sie hätte unter diesen Umständen ohnehin kaum etwas essen können. Doch auch im notdürftig aufbereiteten Trinkwasser „war noch viel Schmutz drin und es war sehr eklig“. An Schlaf war an Bord kaum zu denken. Abgesehen von der Angst, die sie vom Schlafen abhielt, war es auf dem Schiff viel zu eng und sehr unbequem.

Gufran redet nicht allzu gern über diese Tage auf dem Schiff. Man hatte ihnen ursprünglich gesagt, sie müssten höchstens fünf Tage auf dem Meer verbringen – doch sie erreichten erst nach zehn Tagen die italienische Küste. Dort wurden sie von der Polizei in Empfang genommen. „Die Beamten waren stark und sehr wütend“, beschreibt Gufran die Situation. Bei der Polizei blieben sie drei Tage. Dann kamen sie mitten in der Nacht in ein Lager des Roten Kreuzes. Einige Tage vergingen und Gufran bekam mit, wie viele andere Flüchtlinge einfach das Lager verließen – so auch sie und ihre Tante. In Mailand zahlten sie einem weiteren Schlepper 400 Euro. Der fuhr sie mit neun anderen Flüchtlingen in einem Kleinbus nach Deutschland.

Über München kamen die beiden in die Aufnahmestelle nach Karlsruhe. Gufran beschreibt die damaligen Bedingungen dort als katastrophal: Es war überfüllt und die sanitären Anlagen seien eine Zumutung gewesen. Gufran hatte schreckliches Heimweh und auch Angst, was die Zukunft bringen würde. Meist wurden ihnen Nudelgerichte vorgesetzt, die laut Gufran auf Dauer kaum genießbar waren. Die andere Möglichkeit war Kartoffelpüree – das sie bis heute nicht mehr ausstehen kann. Das Wachpersonal aber, erzählt sie, sei sehr nett gewesen: Sie hätten ihr immer Kekse und Obst mitgebracht.

Wann können die Eltern dem Krieg entfliehen?

Heute wohnen Gufran und ihre Tante in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung. Noch im vergangenen Jahr mussten sie sich wenige Zimmer mit neun anderen teilen – dann fand die 16-Jährige selbst eine Wohnung in Dußlingen. Und als Gufran dort ankam, erschien es ihr tatsächlich wie in einem der Disney-Filme: alte Ziegeldächer, ein kleines Schloss und Pflasterstraßen.

Zurzeit besucht Gufran deutschsprachige Kurse der Mathilde-Weber-Schule in Derendingen. Die 16-Jährige will noch besser Deutsch lernen als eh schon – und in Deutschland auch ihren Schulabschluss machen. Gufrans Traum ist es, Pharmazie zu studieren und in einem Pharma-Unternehmen zu arbeiten. Sie hat bereits ein Praktikum in einer Dußlinger Apotheke gemacht.

Was bis auf Weiteres nicht anders wird in ihrem Leben, sind die dauernden Besuche der zwei Syrerinnen bei den Behörden. Auf den Ämtern übernimmt die 16-Jährige schon völlig selbstverständlich das Reden mit den Beamten, da sie viel besser deutsch spricht als ihre Tante. Am schwersten, erzählt Gufran, seien für sie noch die vielen Briefe in bestem Amtsdeutsch, die sie dauernd bekämen.

In ihrer Freizeit macht Gufran unter anderem Bastelkurse mit Kindern im Dußlinger Jugendhaus – die örtliche Sozialarbeiterin Agnes Staigl von der Sophienpflege hat regelmäßig Kontakt zu Gufran. Ansonsten hat sich die junge Syrerin bei all dem Trubel noch nicht richtig eingelebt in Deutschland, sagt sie. Sie versucht zwar, deutsches Fernsehen zu schauen – aber leider versteht sie das Programm noch nicht so gut, dass es ihr Spaß machen würde. Zum Glück darf sie mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung innerhalb von Europa reisen: Gufran war bereits in den Niederlanden und in Schweden. Dieses Jahr möchte sie endlich mal Paris besuchen.

Vor allem ihre Eltern und ihre Familie fehlen der 16-Jährigen. Die Telefon-Verbindung nach Syrien ist brüchig, die Eltern haben nur wenige Stunden Strom am Tag. Meist schreiben sie sich per Internet. Gufran betet, dass auch ihre Eltern dem Krieg entfliehen können und sie sich in Deutschland wiedersehen.

Die 16-Jährige ist überhaupt sehr gläubig. Auch hier in Deutschland besucht sie einmal pro Woche die Moschee, sie betet fünfmal am Tag. Bislang trägt sie kein Kopftuch, von ihrem 18. Geburtstag an will sie dieser Tradition folgen. Der Fastenmonat Ramadan ist in diesem Jahr ausgerechnet im Juni – dann schreibt Gufran sogar wichtige Prüfungen in der Schule. „Es wird hart für mich, ohne Essen zu lernen“, sagt sie: „Aber das kriege ich auch noch hin.“

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