Feten, Facebook und die Frage nach der Wahl

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303615_1_org_Flugplatz_2 Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer im Interview über Dinge, die ihn mit Sido verbinden: Dass Journalisten Politiker einladen, gehört zum Alltagsgeschäft. Dass Politiker sich selbst zum Interview einbestellen, ist eher ungewöhnlich. Tübingens OB Palmer liest den FLUGPLATZ – und fand, man sollte die ganze Sache mit dem Nachtleben, dem Lärm und dem Alkohol mal von Angesicht zu Angesicht diskutieren. Findet der FLUGPLATZ auch – und hat sich mal erzählen lassen, wie das so war beim jungen Boris Palmer.

 

FLUGPLATZ: Herr Palmer, wie steht es in Ihren Augen um unser Tübinger Nachtleben?

PALMER: Ich finde, Tübingen hat da viel zu bieten. Aber politisch ist das Thema schwierig. Und zwar, weil es gar nicht groß in meinem Belieben steht. Die rechtlichen Bestimmungen für den Schutz von Wohngebieten etwa – die werden immer schärfer, unabhängig davon, was wir hier tun.

Probleme gibt es oft erst dann, wenn sich jemand konkret belästigt fühlt.

Ja, das Stadtfest zum Beispiel ist eigentlich auch viel zu laut. Wenn da jemand gegen klagen würde, dann gute Nacht. Da muss man hoffen, dass man es irgendwie im Dialog hinkriegt. Dass man den Leuten etwa einen Hotelgutschein gibt und sagt: Dann fahrt weg an dem Wochenende.

Aufgabe der Stadt wäre also vor allem Vermittlung?

Manchmal geht es so lange gut, bis einer kommt, der rechtlich vorgeht. Und dann war’s das. Das war zum Beispiel einer der Gründe, weshalb der Zoo nicht mehr ging. Der war rechtlich schon lang nicht mehr haltbar. Bei neuen Clubs gilt das natürlich gleich doppelt. Bei alten kann man noch sagen: Das war schon immer so. Da gibt es eine Art Gewohnheitsrecht.

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Wo könnten denn neue Clubs entstehen?

Wir haben zum Beispiel den städtischen Schlachthof. Dort fände ich es gut, einen Club einzurichten. Jürgen Eberhardt – der zuvor im Mancuso war – versucht seit anderthalb Jahren, ein Konzept zu entwickeln, das funktioniert, ohne dass die Nachbarn das dann beklagen.

Warum ist das Thema Nachbarschaft denn so aktuell derzeit?

Tatsächlich hat das auch viel damit zu tun, wie sich die Clubkultur verändert hat. Hauptgrund ist das Vorglühen, das es früher so nicht gab. In der Umgebung von Veranstaltungsräumen wird es so halt saumäßig laut.

Wie haben Sie selbst denn früher gefeiert?

Gut, ich bin in einem 5000-Einwohner-Dorf großgeworden. Ich habe nie Alkohol getrunken, die Klassenfeten haben wir im Keller eines Schulfreunds gefeiert. Aber das ändert nichts dran, dass ich der Meinung bin, dass diese Veränderung des Trinkverhaltens die Möglichkeiten, sich zu treffen und zu feiern, ohne dass es die Nachbarn stört, reduziert. Das ist einfach das, was ich diagnostiziere. Diesen Konflikt kann man vielleicht auf den OB projizieren – aber ich kann ihn nicht auflösen.

Sie versuchen schon, ihn zu lösen: mit Trinkverboten an einzelnen Plätzen etwa.

Ich denke, dass es angemessen wäre, zu Nachtzeiten – von Mitternacht bis 6 Uhr morgens – auch ein Alkoholverbot auszusprechen. Klar eingegrenzt, zeitlich und räumlich. Es würde manches Problem lösen. Und viele Nachbarn wären froh, weil sie mal wieder schlafen könnten. Ich weiß aber auch, dass das rechtlich nicht geht.

So eine Verbots-Regel würde auch sehr pauschal wirken.

Mein Vorschlag ist jetzt – und der wird auch in Stuttgart geprüft – zu sagen: Lasst uns dieses Verbot des Alkoholkonsums an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten eingrenzen auf diejenigen, die regelmäßig auffällig werden.

Was heißt denn „auffällig“ für Sie?

Am vergangenen Wochenende hat unser Abteilungsleiter Ordnung beobachtet, wie ein Trupp von acht, neun betrunkenen Jungs vom Europaplatz zum Epplehaus gezogen ist. Die haben Verkehrsschilder und Fahrräder wild durch die Landschaft geworfen. Umwerfen, wegkicken, draufhauen – voll alkoholisiert, bis die Polizei kam. Ich habe ihn heute morgen gefragt: Was passiert jetzt mit denen? Er sagte: Nichts – die können nächstes Wochenende das Gleiche wieder machen.

Und was soll den Jugendlichen drohen?

Zunächst mal: Es geht um 60 bis 70 Leute, viele sind erwachsen und die sind fast alle der Polizei bekannt. Für alle anderen ist das gar nicht gedacht. Und wenn die gegen eine Auflage verstoßen, dann gibt es von Geldbußen über gemeinnützige Arbeiten und Jugendhilfe bis zur Strafe mit Bewährungshelfer die entsprechenden Stufen, wo man sagen kann: Leute, nein – das ist kein angemessenes Sozialverhalten. Und jetzt habt ihr die Chance, euch ein halbes Jahr zu bewähren. Ohne Alkohol. Der Witz ist ja: So lange sie nichts trinken, dürfen sie überall rumlaufen.

Gehen Sie selbst denn noch auf Partys?

Vor halb zwölf habe ich eh nie Feierabend – und bei mir geht es üblicherweise am nächsten Morgen um sieben mit der Zeitung weiter. Auf einer Party, wie ihr sie jetzt meint, war ich wahrscheinlich das letzte Mal vor fünf oder sechs Jahren.

Bei manchen stehen Sie in dem Ruf, typisch jugendliches Verhalten nicht ausreichend zu tolerieren.

Ich weiß, dass man, je jünger man ist, desto weniger von ordnungsrechtlichen Maßnahmen, von Regeln und von Polizei hält. Weil man die erstmal austesten möchte. Das war bei mir auch nicht anders.

Erzählen Sie mal.

Nun, das Allerschlimmste, was mir mal passiert ist? Kennt jemand diese langen Hitparaden? Die älteste dieser Art war die Top 1000X. Ich habe die damals auf MC mitgeschnitten – und bei Platz 1 ist mir die blöde Kassette verreckt. Das wäre „Stairway to Heaven“ gewesen…

…von Led Zeppelin.

Ich bin dann nach Stuttgart gefahren in die Königstraße. Damals gab es da noch CD-Geschäfte. Ich habe mir die CD angehört und festgestellt: das einzige Lied, das gut ist, ist „Stairway to Heaven“ – der ganze Rest ist blödes Heavy-Metal-Geschrubbe. Dann hab ich für mich entschieden: Ich nehme das Album mit, kopier das Lied daheim und stell die CD morgen zurück ins Regal. Das war mein ernsthafter Plan.

Oha: eine Raubkopie!

Es sollte eine Raubkopie werden, wurde dann aber zu Raub.

Wie das?

Ich habe – weil ich so ein Öko-Freak war – den Fehler gemacht, dass ich, nachdem wir auch andere CDs gekauft hatten, die aus der Plastiktüte herausgenommen habe. Ich wollte nämlich keine unnötige Tüte mitnehmen. Und das haben sie in der Videokamera gesehen. Nach 100 Metern kamen Detektive: „Halt, stehenbleiben!“ Wenn ich denen den Kassenzettel hingehalten hätte und die anderen CDs, hätten die das gar nicht geschnallt.

Aber?

Aber weil ich so ehrlich bin und die überzeugen wollte, dass ich das ja morgen zurückbringe, habe ich auch gleich die gestohlene CD mit rausgeholt. Und dann waren die echt völlig perplex. Und ihre Reaktion war: „So einen Scheiß können nur Gymnasiasten erzählen.“

Wurden Sie bestraft?

Zunächst mal kamen wir zur Polizeiwache und wurden getrennt verhört. Und unterwegs sagten die Polizisten: So, das ist der Jong vom Palmer – na, der wird a Freud han! Und es war dann daheim auch nicht so lustig.

Nicht so lustig war es auch in den vergangenen Monaten für Sie – wenn man mal die zahlreiche Kritik auf Ihrem Facebook-Auftritt zum Maßstab nimmt, etwa zum Thema Tempo 30.

Ich habe in den letzten anderthalb Jahren viel Lehrgeld gezahlt. Wir haben im Internet eine neue Diskussionskultur. Journalisten sind nicht mehr die Einzigen, die über Themen bestimmen. Jetzt kann alles wichtig werden, was Einzelne für wichtig halten. So entstehen sehr schnelle und sehr intensive Empörungswellen. Der Ton ist hart im Internet.

Wie fühlt es sich an, wenn jemand Sie so angreift?

Scheiße.

Bekommen Sie mit den Jahren nicht langsam Routine darin?

Dass ich Angriffen ausgesetzt bin, ist für mich nicht so ganz neu. Das liegt auch sicherlich ein bisschen an mir. Ich mag es nicht, wenn man den Leuten Honig um den Mund schmiert und ihnen nicht sagt, wofür man steht.

Boris Palmer im FLUGPLATZ-Interview im Mai 2013.

Boris Palmer im FLUGPLATZ-Interview im Mai 2013.

Sie suchen die Öffentlichkeit bewusst nicht nur in der Presse und in Gremien, sondern auch bei Facebook.

Ja, Facebook ist an der Stelle total wichtig. Denn die Emotionen der Leute wären ja auch so dagewesen. Nur: Ich als Politiker hätte es nicht mitgekriegt. Dann lieber in dieser Form, als wenn die Leute auf der Straße herumlaufen, über die Grünen motzen und politikverdrossen sind.

Als basisnah gilt auch die Stefan-Raab-Fernsehshow, bei der Sie jüngst deutlich gegen den Rapper Sido unterlagen.

Stefan Raab war eine Lehrgeld-Veranstaltung. Ich muss zugeben: Ich kannte diesen Sido nicht. Und als ich zugesagt habe, war auch nicht klar, dass er dabei ist.

Sie waren überrascht?

Ja. Ich war der Meinung, wenn ich zu Stefan Raab gehe, gibt es eine politische Diskussion, vielleicht in einer anderen Form. Aber dass da dieser Rapper hockt und schon früh die Abstimmung gewonnen hat, weil den alle cool finden – darauf war ich einfach nicht eingestellt. Wobei Sidos Positionen meinen ja durchaus ähnlich waren.

Was verbindet denn Sie und Sido?

Zum Beispiel das Wahlalter mit 16. Da ist er dafür – ich bin auch dafür. Dann die Kriminalisierung von Kleindrogen-Konsum. Ich bin zwar selber nicht betroffen, halte aber auch nichts davon, die Behörden wegen eines Gramms Hasch mit Strafverfahren zu beschäftigen. Dann die Frage nach großen Gehältern: Das war besonders witzig, dass der Millionär Sido sich dafür eingesetzt hat, dass stärker besteuert wird und dass es mit Manager-Gehältern so nicht weitergehen kann. Der Meinung bin ich im Grundsatz auch. Alles natürlich anders formuliert und begründet.

Und doch hat Sido Sie geschlagen.

Schon früh. Der Raab hat mich am Anfang vorgestellt: Waldorf-Schüler, 1,0-Abiturienten-Streber und Nicht-Kiffer. Mit anderen Worten: Ich habe das Konzept nicht ausreichend durchdrungen und mich auf die Situation nicht ausreichend vorbereitet.

Raab hat da offenbar unfreiwillig ein Klischee über Sie angesprochen: Law-and-Order, Spaßbremse, jung, grün, aber oft auf Seiten des Establishments.

Ich weiß nicht, ob Raab sich da so tief eingearbeitet hat. Aber die Analogie ist wahrscheinlich korrekt, ja.

Ist das ein Problem für Sie?

Ja, weil das auf meine Politik gar nicht zutrifft. Es war meine Idee, die Sperrstunde für die Altstadt eine Stunde nach hinten zu schieben. Und gerade bin ich an einem Keller für einen neuen Club dran. Aber an manchen Sachen kann und will ich nichts ändern. Ich kann nicht anfangen, mich zu besaufen und zu kiffen, nur damit ich besser ankomme. Das würde auch jeder als Anbiederung empfinden…

…um wiedergewählt zu werden als OB.

Ich wusste gar nicht, dass das so ein Kreuzverhör-Interview wird. Das wäre natürlich der ideale Ort: in der FLUGPLATZ-Redaktion mal bekanntzugeben, wie es nächstes Jahr sein wird.

Nur zu!

Nein. Ich hasse das ja, wenn Politiker ausweichende Antworten geben. Aber anderthalb Jahre vor einer OB-Wahl zu sagen: Ich sage, dass ich wieder kandidiere – das ist ein Fehler. Denn dann ist alles künftige nur noch Wahlkampf.

Interview: Flugplatz-Redaktion
Die originale Interview-Seite gibt es auch als PDF aus unserem Print-Archiv.

Nie wieder blauer Anzug

Boris Palmer, 40, schnupperte bereits durch das politische Engagements seines Vaters Helmut in jungen Jahren Luft in der Politik. Der ehemalige Waldorfschüler hat Mathematik und Geschichte studiert, war ab 2001 Mitglied des Landtags Baden-Württembergs. Als Oberbürgermeister von Tübingen hat Palmer nach eigener Aussage „14, 15 Termine an einem vollen Tag“. Den berühmten blauen Anzug seiner Anfangszeit trägt er übrigens nicht mehr:: „Den hat mir meine Frau aber sowas von verboten!“

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Eike Freese

ist Redakteur beim Schwäbischen Tagblatt und gemeinsam mit Kollegin Gabi Schweizer verantwortlich für die FLUGPLATZ-Seiten