Facebook ist kaum noch gefragt

Von am

Shamana Ebinger
Bild: Metz

FLUGPLATZ-Autorin Shamana Ebinger über Messenger-Dienste und die Halbwertszeit Sozialer Medien.

„Sehen Sie, das ist mein Enkel! Seitdem bin ich quasi immer dabei.“ Ich stehe im Supermarkt an der Kasse, hinter zwei älteren Damen, von denen die eine aufgeregt auf ihr Smartphone zeigt. Wo ist denn dieser Enkel, frage ich mich und blicke unauffällig zu den beiden hin.


„Wozu die neue Technik doch alles gut ist“, sagt die andere gerade – und da begreife ich, denn über die Schultern der Beiden erhasche ich einen Blick auf einen geöffneten Chat bei WhatsApp. Die Omi meint die Profilbilder ihres Enkels. „Ist das jetzt dieses Facebuch?“ fragt die Eine. „Facebook? Nein, der Paul meinte, die gehören scheinbar irgendwie zusammen. Aber da begreift ja keiner mehr, was nun was ist. Ah, sieh nur, da hat er mir zum Geburtstag gratuliert!“ Es stimmt: Während es vor einigen Jahren noch normal war, sich persönlich zu gratulieren oder zumindest anzurufen, geht die meiste Geburtstagspost heute ganz bequem über die Messenger-Dienste. Happy Birthday!

Hinter mir in der Schlange vor der Kasse warten zwei etwa 15-jährige Mädchen und diskutieren lautstark, ob Facebook jetzt total out ist oder nicht. „Da ist ja niemand mehr,“ sagt eines der Mädchen. „Außerdem muss man das Profil immer pflegen. Und bei WhatsApp sind eben alle“, gibt ihr das andere Mädchen recht. Und vermutlich hat sie da auch recht.

Wenn man irgendwo jemanden kennenlernt, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass auf die Frage, ob er WhatsApp benutze, ein Ja die Antwort ist. Schon die nächste Alternative zu WhatsApp, Telegram nämlich, wird weit weniger genutzt.

Eine Umfrage in meinem eigenen Bekanntenkreis ergab, dass rund 79 Prozent WhatsApp, zehn Prozent Telegramm und nur 11 Prozent Facebook nutzen – wobei diejenigen alle über 25 Jahre alt sind. Die jüngere Generation ist nämlich ähnlicher Meinung, wie die zwei Mädchen im Supermarkt: bei Facebook würde „nichts mehr gehen“.

Und wo bleibt die „gute alte“ SMS? SMS wird von jüngeren nur im „Notfall“ benutzt, allgemein ungern. Über WhatsApp hingegen, so sagen viele, könne man sehen, ob der Andere die versendete Nachricht erhalten und schon gelesen hat.

Womit wir gleich beim nächsten Thema wären. Wer WhatsApp nutzt, kennt dieses Phänomen. Schaut man einen halben Tag nicht in seine Chats wird man am Abend von einer regelrechten Nachrichtenwelle getroffen. Worunter sich zu 50 Prozent die Frage befindet, warum man irgendeine Nachricht schon vor Stunden gelesen und nicht geantwortet habe? Stressig. Deshalb gibt es in meinem Bekanntenkreis Leute, die sich bewusst gegen ein Smartphone entscheiden. Doch führt dieses Verhalten nicht zu gewisser Isolation?

Und andererseits: Welche WhatsApp-Nutzer kennen das nicht? Es gibt eine Sportclub-Gruppe, eine Partygruppe für kommenden Freitag, eine Organisationsgruppe für´s Stadtfest. Die Liste ist lang. Da entsteht ohne Zweifel ein gewisser Druck, präsent sein zu müssen – und abrufbereit.

Eine Bekannte, die schon seit mehreren Monaten Messenger-frei lebt, sagt: „Wichtig ist, dass man sich keinen Stress macht, indem man glaubt, man ist komplett isoliert. Man versagt sich ja nicht der Zivilisation und zieht irgendwo in den Wald“. Sie befürwortet die bewusste Entscheidung hin zur direkten Kommunikation. „Und das“, sagt meine kluge Bekannte, „ist meiner Meinung nach das genaue Gegenteil von Isolation.“

von Shamana Ebinger

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