Eine Gesellschaft ohne Leiden

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Matthias Rude ist überzeugter Veganer. Im FLUGPLATZ-Interview erklärt er, warum.
Matthias Rude, 30, hat Philosophie und Vergleichende Religionswissenschaften studiert. Zurzeit promoviert er in Philosophie. 2013 hat er ein Buch mit dem Titel „Antispeziesismus – Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken“ veröffentlicht.

FLUGPLATZ: Herr Rude, warum haben Sie sich dafür entschieden, vegan zu leben?
MATTHIAS RUDE: Bei mir kam das aus einem politischen Bewusstsein heraus. Ich war zuvor schon linkspolitisch aktiv und trete allgemein für gesellschaftliche Befreiung und gegen Ausbeutung ein. Da gehört es für mich inzwischen ganz klar dazu, dass man auch gegen die Ausbeutung von Tieren eintritt.

Gibt es noch andere Gründe?
Die Tierhaltung ist eine der Industrien, welche die Umwelt am meisten belastet und verschmutzt, etwa durch den Ausstoß von CO2, aber auch durch die ganze Gülle und die Abfälle; da werden Böden und Grundwasser verseucht. Hinzu kommt noch die Abholzung der Regenwälder: Die Futtermittel werden vor allem in Regenwaldgebieten in Südamerika angebaut. Das heißt, dort werden riesige Regenwaldflächen abgeholzt und abgebrannt.

Denken Sie, dass man die Ausbeutung der Tiere nur verhindern kann, wenn sich alle Menschen vegan ernähren?
Ich denke, dass man „Tierhaltung“ nicht in jeder Situation historisch oder auch geographisch verurteilen und stets von Ausbeutung sprechen sollte, aber dass wir jedenfalls in den westlichen Industriestaaten auf einem technischen Niveau angekommen sind, wo Tierhaltung überhaupt nicht mehr notwendig ist und die weitere gesellschaftliche Entwicklung teilweise sogar hemmt und große Schäden, vor allem für die Umwelt, mit sich bringt.

Das heißt, es ist für Sie in Ordnung, dass zum Beispiel Nomadenstämme im Norden, bei denen es schon lange so Tradition ist, Rentiere züchten und von deren Produkten leben?
Ja. Ich verfolge keinen moralischen Ansatz, der das generell verurteilen würde. Ich mache Politik dort, wo ich lebe.

Sie haben ein Buch geschrieben über die Geschichte des Antispeziesismus. Was ist das genau?
Für die Tierbefreiungsbewegung bezeichnet „Speziesismus“ diejenige Ideologie, welche die Ausbeutung der Tiere legitimiert. Antispeziesismus ist der politische Kampf gegen Tierausbeutung und gegen jede Ideologie, mit der sie gerechtfertigt wird. Mir ist wichtig zu zeigen, dass es eine lange Vorgeschichte gibt von Menschen und Bewegungen, welche die Befreiung von Mensch und Tier immer schon zusammengedacht haben, so wie das die moderne Tierbefreiungsbewegung auch macht; sie kümmert sich nicht nur um Tiere, wie die klassische Tierrechtsbewegung, sondern betätigt sich in weiteren Feldern politisch. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle ohne leiden zu müssen leben können, Menschen und Tiere.

Denken Sie, dass die Tierbefreiungsbewegung in Zukunft noch mehr Zulauf finden wird?
Ich glaube, dass sie auf jeden Fall stärker werden wird in den nächsten Jahren, weil wir gesellschaftlich einen Punkt erreicht haben, an dem die Befreiung der Tiere die nächste große Befreiungsbewegung nach der Abschaffung der Sklaverei und der Befreiung der Frauen sein wird. Ich denke, dass man Befreiung gesellschaftlich weiterdenken muss und dass sie nicht beim Menschen Halt machen wird. Tiere sind ein Teil unserer Gesellschaft und dürfen von gesellschaftlicher Emanzipation nicht ausgeschlossen werden.“

Also denken Sie, dass es mit der Ausbeutung der Tiere ähnlich ist wie früher mit der Sklaverei oder der Unterdrückung der Frauen: dass die Gesellschaft das Unrecht einfach nicht sieht?
Ja. Genau das bezeichnet ja auch der Begriff des Speziesismus als Ideologie. Eine Ideologie ist dazu da, Ausbeutungsverhältnisse zu verschleiern. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert und dem Darwinismus gab es Hinweise, dass die anderen Tiere unsere Verwandten sind, dass sie uns ähnlich sind und, genauso wie wir, Schmerz empfinden. Und darauf kommt es ja an.

Info: Matthias Rude, „Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken“, 2013, 204 Seiten, 10 €

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