Die zwei hier sind keine Helden. Sagen sie.

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Die DRK ler Marc Schmidt und Markus Bela in ihrem Rettungswagen / Bild: Rippmann

Jeden Tag gehen sie dahin, wo es wehtut: Marcus Bela (rechts im Bild) und Marc Schmidt (links) arbeiten im Rettungsdienst, beim Deutschen Roten Kreuz in Tübingen. Dort sehen sie Dinge, die nicht schön sind – erfahren aber auch einen Sinn bei der Arbeit, den nicht jeder kennt. Rettungsdienst – ist das ein Job für Jedermann?

– von Sophia Juraschitz und Shamana Ebinger


TAGBLATT: Marc, Du bist mit 20 Jahren ja ein Berufseinsteiger im Rettungsdienst. Kannst du dir nach deinen bisherigen Erfahrungen vorstellen, dein ganzes Leben lang Notfallsanitäter zu bleiben?
SCHMIDT: Der Beruf ist auf jeden Fall so spannend, dass ich sagen würde, ich könnte ihn mein Leben lang ausführen. Du erlebst so viele Sachen und es ist eigentlich immer etwas Neues da, jeden Tag. Du kommst zur Arbeit und weißt nie, was passiert. Du hast außerdem immer etwas mit Menschen zu tun und es ist schon eine befriedigende Arbeit. Weil du immer Menschen helfen kannst, egal in welcher Lage sie sind.
BELA: Ich sage auch, dass ich in dem Beruf glücklich bin und bis zur Rente kommen möchte. Die Stimmung auf der Rettungswache ist immer gut. Allerdings sollte man die körperliche und psychische Belastung nicht unterschätzen, weil der Rettungsdienst durchaus belastet – und immer mehr belastet wird. Nehmt nur den demographischen Wandel: Die Leute werden immer älter, aber dadurch gibt es auch immer mehr Notrufe. Deshalb können die wenigsten den Beruf bis ins Rentenalter ausüben.
SCHMIDT: Mein Körper macht es natürlich noch gut mit, deshalb habe ich das bei mir selbst jetzt noch nicht gemerkt. Aber da hat Markus auf jeden Fall Recht.

In welcher Lage trefft ihr die Menschen an?
BELA: In jeder erdenklichen. Wirklich in jeder erdenklichen.
SCHMIDT: Das reicht vom Verkehrsunfall über den häuslichen Unfall bis zu akuten Erkrankungen – und so weiter.

Und was ist in Tübingen typisch?
SCHMIDT: Ich würde sagen, dass man nie diesen „typischen“ Fall oder den „typischen“ Tag hat.
BELA: Heute etwa war, warum auch immer, ein Trauma-Tag: Es gab viele Verkehrsunfälle. Bei heißem Wetter kommen klassischerweise mehr Kreislaufproblematiken und im Winter, wenn der erste Schnee kommt, Stürze durch Glätte und daher Prellungen.

Wisst ihr vorher immer, welcher Einsatz euch genau erwartet?
SCHMIDT: Wir bekommen ein kurzes Einsatzstichwort, damit wir wissen, was ungefähr auf uns zukommt. Aber am Telefon erfährt der Disponent in der Leitstelle auch nie ganz genau, wie es vor Ort aussieht. Deshalb ist man schon immer gespannt, was passiert.

Dauerthema Rettungsgasse: Habt ihr auch das Gefühl, dass immer weniger Leute eine Rettungsgasse bilden?
SCHMIDT: Ich habe das Gefühl, dass oft der Weg nicht ausreichend frei gemacht wird. Wir haben oft das Problem, dass wir vor einer Ampel stehen und die Autos sich nicht bewegen. Dabei stehen wir direkt dahinter – mit einem Horn, das für jeden zu hören ist.
BELA: Was uns oft betrifft, ist der Feierabendverkehr: Zu diesem Zeitpunkt wollen die Menschen nach Hause, hören Musik, sind gestresst, telefonieren vielleicht sogar, fahren viel zu eng auf – und ich hab oftmals das Gefühl, dass Autofahrer nicht in Erwägung ziehen, dass sie im Notfall Platz machen müssen. In manchen Situationen ist es für sie also gar nicht mehr möglich, Platz zu machen – auch wenn sie es schon möchten.

Wie ist die Aufgabeneinteilung unter euch, wenn ihr zu einem Einsatz kommt?
SCHMIDT: Wenn wir je einen so genannten Notfallsanitäter und einen Rettungssanitäter auf dem Wagen haben, dann ist der Notfallsanitäter der höher qualifizierte. Die Verantwortung für den Patienten hat erst einmal der Notfallsanitäter. Er bleibt während der Fahrt beim Patienten.
BELA: Vor allem aber sind wir ein Team. Wir müssen uns aufeinander verlassen können. Damit wird die Schere zwischen den verschiedenen Hierarchiestufen im Einsatz tatsächlich relativ eng. Auf der einen Seite steht   das theoretische Wissen, das man sich in der Berufsausbildung aneignet. Viel relevanter ist aber, was man dann in seiner Laufbahn an Erfahrungen sammelt und wie man mit ihnen umgeht. Keine Ausbildung ersetzt die Berufserfahrung.

Und ab wann ist ein Notarzt mit dabei?
SCHMIDT: Ein Disponent in der Leitstelle nimmt den Anruf entgegen und macht eine so genannte Ersteinschätzung: Er beurteilt dabei auch, ob direkt ein Notarzt zum Einsatzort fahren muss oder ob ein Rettungswagen reicht. Aber das ist nicht endgültig: Auch die Besatzung eines Rettungswagens kann, wenn sie am Einsatzort ankommt, nachträglkich einen Notarzt anfordern. Wenn man eben merkt, dass doch mehr medizinisches Fachwissen gebraucht wird.

Wie sind eure Arbeitszeiten?
SCHMIDT: Die Tagschicht beginnt um 5.45 Uhr und endet um 18 Uhr. Die Nachtschicht geht dann von 17.45 bis 6 Uhr. Es sind immer Zwölf-Stunden-Schichten. Wobei man natürlich nicht die ganzen zwölf Stunden ununterbrochen unterwegs ist, sondern auch Pausen hat.

Was verdient man so im Monat?
SCHMIDT: Ich bekomme in der Ausbildung momentan 713 Euro Netto.
BELA: Ich glaube, ein Berufseinsteiger verdient derzeit rund 1600 oder 1700 Netto – abhängig auch immer von den Schichtzulagen. Das steigt dann in Lohnstufen an, bedingt durch Betriebszugehörigkeit und Berufserfahrung.

Wie sieht es eigentlich mit der Frauenquote aus im Rettungsdienst?
BELA: Inzwischen ziemlich gut. 50 zu 50 gehen inzwischen in die Ausbildung, denke ich. Auf der Rettungswache sind momentan aber doch noch mehr Männer.

Warum beginnt man die Laufbahn des Notfallsanitäters?
SCHMIDT: Ich hatte schon recht früh – mit 13 Jahren – ein eindrucksvolles Erlebnis: Ich war in den Bergen unterwegs und habe gesehen, wie ein Junge in etwa meinem Alter von der Bergwacht mit einem Helikopter gerettet wurde. Das ist mir im Gedächtnis geblieben – und nach dem Abitur habe ich beschlossen, ein Freiwilliges Soziales Jahr hier auf der Wache zu machen. Die Arbeit hat mir wirklich Spaß gemacht und deshalb mache ich jetzt die Ausbildung.

Habt ihr manchmal eine Art Helden-Gefühl nach Feierabend?
SCHMIDT: Nö. Es ist einfach mein Beruf – und ich bin zwar da, um zu helfen, aber wir sind keine Helden. Wir tun nur  unsere Arbeit.

Und was ist, wenn ein Rettungseinsatz nicht gut läuft? Wenn etwa ein Verkehrsunfall passiert und ihr kommt zu spät und könnt nicht mehr helfen? Das muss einem doch nahe gehen…
SCHMIDT: In der Situation selbst funktioniert man einfach nur – und tut, was man noch tun kann. Erst im Nachhinein beginnt man dann, darüber nachzudenken. Ich persönlich habe gelernt, gut damit umzugehen. Nach so einem Einsatz hat man auf jeden Fall Kollegen, die ein offenes Ohr für einen haben. Und bei Bedarf gibt es vom Betrieb aus auch eine psychologische Betreuung.
BELA: Ich denke, dass man sich mit dem steigenden Druck, der auf uns Rettungsdienstlern lastet, auch neue Wege überlegen muss, wie man mit diesen Problemen umgeht. Aber klar, es gibt immer Einsätze, die man nicht vergisst.

Was sind zum Beispiel Einsätze, die einen noch lange verfolgen?
BELA: Ich werde eins nicht mehr vergessen: meine erste Säuglings-Reanimation.

Ihr habt gesagt, dass man nie weiß, was an einem Tag passieren wird. Was für Einsätze hattet ihr, die ihr gerne erzählt, weil sie vielleicht witzig oder schön oder spannend waren?
SCHMIDT: Was aufregend und auch schön war: Ich wurde neulich zu einem Einsatz gerufen und habe dann eine Geburt erlebt.
BELA (schmunzelt): … miterlebt.
SCHMIDT: Einverstanden, miterlebt. Das bekommt man nicht oft mit – und dann schreit plötzlich dieses Kind. Das ist auf jeden Fall eine Geschichte, die ich noch öfter erzählen werde.
BELA: Was mich einmal wirklich berührt hat, war ein Einsatz an Heiligabend: Wir kamen in eine Wohnung und da war eine Frau, die von ihrem Ehemann wiederbelebt wurde. Zwei Kinder haben oben geschrien. Wir haben die Frau zum Glück retten können – wobei eigentlich der Ehemann zuvor seine Frau gerettet hatte, indem er die Wiederbelebung angefangen und auch gut gemacht hat. Wir haben nur übernommen. Ein Jahr später stand eben diese Familie bei uns auf der Rettungswache und hat sich nochmal bedankt. Wenn dann so ein kleiner Junge zu dir sagt: „Danke, dass meine Mama noch lebt!“ – dann kommen dir doch die Tränen.

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