Der Ract-Kommentar: Ska und Palmer – und „Kanaken“

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Bild: Anne Faden

„In welcher Welt willst du leben? Was willst du tun? Was willst du geben?“ – das sang „Vember“ auf dem ract!-Festival 2014. Das Festival also sozialkritisch und alternativ wie immer? Zumindest was das Programm betrifft.

Das Publikum dagegen war bunt gemischt. Teenager und Erwachsene und auch deren Kinder. Eine vierjährige Tochter tanzte zu der Musik von Wootakka auf den Schultern ihres Vaters. Das ist durchaus keine reine Ökotanzparty. Es hat mich aber doch erstaunt, wie eine Freundin und ich von angetrunkenen Jungs vor, so wörtlich!,  „Kanaken“ gewarnt wurden. „Mädels! Passt vor den Kanaken auf. Die Ausländer wollen nur das Eine“, riet uns einer.

Ich dachte, das ract! sei ein Festival, das für Weltoffenheit und Toleranz steht. Mir ist klar, dass dem ract! kein Vorwurf zu machen ist. Mit so einer Klientel hatte ich aber auf dem ract! nicht gerechnet. Ist das ract! neben dem politischen Festival also doch zusätzlich nur eine Riesenparty für die Tübinger Jugend? Riesenparty ist super, aber selbst im Partyrausch: solche Sprüche gehen gar nicht, liebe Jungs und Mädels!

Zu den Gästen des Festivals zählte auch unser werter Herr Oberbürgermeister, der das Vergnügen hatte, die bereits erwähnte Gruppe Wootakka anzukündigen und deren Namen zu erklären: Das schwäbische Wort für Erdbeere „Breschdling“ sei zunächst der Name der Band gewesen, bei Konzerten auswärts wenig verständlich und schlecht aussprechbar für das Publikum. Daher hätte die Gruppe Erdbeere in allen Sprachen der Welt gegoogelt und sei so auf „Wootakka“, ghanaisch für Erdbeere gestoßen.

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Bild: Faden

Der Wahrheitsgehalt dieser Ansage ließ sich leider nicht überprüfen. Dennoch eine nette Geschichte. „Die Schwarz-Grünen“ (Wahlkampf-Zitat: Palmer), so genannt wegen des Schwarz-grünen Outfits, heizten dem Publikum ganz schön ein. Ska, das ist ihre Musikrichtung und die kam auch gut an. Nach Wootakka‘s Ska folgte Ska vom Balkan: Ivan Ivanovich & The Kreml Krauts. „Kalinka“ mal anders. Jugendliche im Publikum versuchten sich am Kasatschok. Das russische Funke sprang also schnell über und die rauchige Stimme Ivan Ivanovics tat ihr Übriges: Authentischer kann ich mir keinen Balkan-Ska vorstellen. Diese Stimme klingt nach Wodka, nach Saufgelagen, der russischen Kälte, die mit solch lebensfroher Musik leichter erträglich wird, und Zigaretten. Russland pur also! Beide Gruppen traten auf der Ostbühne auf.

Doch auch auf der West-Bühne war was los. Zeitgleich zum russischen Balkan-Ska konnte man dort Vember’s Indiepop lauschen. Deutschsprachige Liedtexte und Gitarrenspiel. Kluge, lebensnahe Liedtexte, nachdenkliche, aber auch hoffnungsfrohe: „Wir können alles reparieren, was uns kaputt gemacht hat.“ Zu diesem einfachen Satz forderte die Gruppe zum Mitsingen auf und gerne erwiderte das Publikum diesen Gefallen. Das Musikspektrum am ract! war wieder breit aufgestellt, hatte für jeden etwas zu bieten. Musikalisch wird das Festival aber dennoch alternativ bleiben. Insgesamt trotz des unerfreulichen Zwischenfalls ein schönen Abend! Vielen Dank ract!

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Ruth Juraschitz

Langsam zähle ich beim Flugplatz doch zu den alten Hasen. Schließlich bin ich seit 2010 dabei. Ich bin 21 Jahre alt, habe 2012 Abitur gemacht und ich liebe es zu schreiben. Deswegen bin ich ja auch beim Flugplatz gelandet.

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