Das ist doch alles so ein riesiges unnötiges Theater!

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Kommentar

Von Jonathan Wiesner

Stell dir vor, es war nicht lange her, da hat man auch Linkshänder genauso diskriminiert. Vor allem (oder eher.. „wie auch sonst so oft“) von religiösen Menschen. Mit Argumenten wie „Der Teufel ist Linkshänder“ und vom Osten auch „Allah hat uns das auch so gelehrt, deswegen spucken wir immer auf die linke Seite“ und so weiter. Und dann noch zwingen, auf die rechte Hand zu wechseln und sich über schlechte psychische Nebenwirkungen wundern. Ähnliches passiert mit Menschen, die nicht heterosexuell sind. Man versucht, sie zu „umzuzwingen“ und es gelingt doch nicht. Nur Schmerzen verursachen ist das, was gelingt. Sobald in einem mehrere tausend Jahre alten primitiven Buch wie der Bibel steht, welches Gewalt, Inzucht, und Sklavenhandel verherrlicht, dass es böse ist, wenn sich gleiche Geschlechter lieben… bumm! Diskriminierung, Folter, sogar Mord durch öffentliche Hinrichtungen! Liebe ist ja etwas Böses, dafür kommst du in die Hölle! Also lieber die liebenden Menschen gleich ermorden, denn wir sind ja die Guten und wollen diese Erde voller anderer guter Menschen haben.

Wieso kann man Menschen nicht einfach so akzeptieren, wie sie sind? Seit wann hat das Linkshändersein, Homosexualsein, Bisexualsein irgendjemanden jemals geschadet? Da halte ich mich auch besonders an die Frage von Ernest J. Gaines: “Why is it that, as a culture, we are more comfortable seeing two men holding guns than holding hands?”
Diese Art von Phobie und Ekel ist beigebracht und überhaupt nicht natürlich. Ein gesunder Menschenverstand kommt nie auf solche oberflächigen Hass-Gedanken. Ich sehe Kinder auf dem Spielplatz, denen ist es doch egal was für eine Hautfarbe du hast, was für ein Geschlecht, oder wen du liebst, solange du eine respektvolle, nette Person bist.

In der Schweiz sind wir eigentlich nicht weiter als Deutschland, auch gesetzmäßig. Du darfst als Homosexueller nicht heiraten, sondern nur „eingetragene Partnerschaft“ anmelden gehen, zum Beispiel. Grauzone, aber immer noch nicht ganz Menschenrecht. Und Adoption von Kindern nur, wenn sie biologisch vom anderen Partner schon vorhanden sind. (Entsprechend oft Scheidungskinder, was ich an sich schon ein sehr trauriges System finde.)

Ich komme selbst aus einer religiösen und entsprechend sehr phobischen Familie. Die sind schon derart in dieses Hass-Denken eingesunken, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe. Sie glauben zum Beispiel auch daran, dass schwarze Hautfarbe ein Fluch Gottes sei, und dass nach dem Tod alle Menschen weiß werden.

Meine Familie, besonders meine Mutter, sind auch völlig durchgedreht als ich mich als Transgender geoutet habe. Meine Mutter hat mich hinterher immer wieder angerufen, nur um mich, nahe Freunde, und meine ärtzlichen Betreuer und Begleiter zu verletzen. Ich habe dann zwei Wochen den Stecker einfach ausgezogen. Man kann mit Menschen in derartigem Hass-Zustand nicht normal reden. Mein ältester Bruder (31), der in der gleichen Stadt wohnt wie ich, kam mich auch nachher „einfach mal spontan“ besuchen. Ist dann emotional so zusammengebrochen und hat geweint, dass ich ihn zwei Mal erinnern musste, dass er normal atmen muss (er wäre fast erstickt!). Er hat nicht mal so geweint, als ich vor Jahren versucht hatte mich umzubringen. Also war die ganze Nachricht vom Besuch „Mir tut es weniger weh wenn du tot wärst, als wenn du ein Transgender bist und so leben willst.“

Ich finde die Reaktionen manchmal auch interessant, wenn ich mich als asexuell oute. Es ist oft ähnlich feindlich wie bei Outings von Homo-und Bisexuellen. „Das gibt es doch nicht, asexuell. Du bist nicht gesund, wenn du so fühlst. Mach Therapie!“ „Du hast wahrscheinlich einfach noch nicht den richtigen Partner gefunden!“ „Du hattest einfach noch nicht den richtigen Sex!“
Und dann kommt das umzwingen wollen, was für mich auch der Horror ist. Ich finde Sex einfach nicht so attraktiv wie andere. Wieso etwas zwingen wollen zu lieben, was mich anwidert, ekelt und abtörnt? Ich liebe die emotionale Nähe, menschliche Nähe, die verbale Nähe und die (für mich auch) künstlerische Nähe wenn ich jemanden liebe. Damit bin ich glücklich, mehr will und brauche ich nicht. Es ist trotzdem Liebe. Es hält lange an, es gibt dir Lebensfreude, und es ist Liebe, weil es auch sehr weh tun kann.
Das heißt natürlich nicht, dass ich finde, Sex haben sei falsch. Kann mir doch egal sein, wie das Liebesleben anderer aussieht, solange sie sich lieben. Ich wünschte nur, es gäbe nicht dieses „Richtig-Falsch“-Denken bei den Sexualitäten. Alles was die bewirken sind Mobbing und Unterdrückung.

Eine gute Freundin von mir ist zum Thema Sexualleben praktisch das Gegenteil von mir, bisexuell und liebt gewisse Fetische. Aber wir sind trotzdem gute Freunde, weil wir einfach offen und respektvoll sind. Überhaupt nichts wird jemandem aufgezwungen und es gibt keine oberflächigen Vorurteile. Menschen haben verschiedene Interessen und Hobbys, es ist nur normal, wenn diese so individuell sind wie der Mensch selbst.

 

Jonathan Wiesner schrieb diesen Kommentar zu unserer Seite über Homosexualität in den Medien.
Er ist 25 Jahre alt und macht derzeit in Basel eine kaufmännische Ausbildung.

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  • Ruth Jura

    Sehr guter Kommentar!