Das Camp neben dem Camp

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Eko Camp Idomeni Flugplatz Moritz Rentzsch

Das Camp Eko – Symbol für das Leid vieler Flüchtlinge, aber auch für den Zusammenhalt hunderter Helfer und der rund 2000 Menschen, die es aus Asien und Afrika über das Meer hierher geschafft haben. Bild: Rentzsch

Das berüchtigte Flüchtlings-Lager Idomeni ist Geschichte. Doch FLUGPLATZ-Autor Moritz Rentzsch arbeitete ganz in der Nähe weiter, als Freiwilliger im inoffiziellen Camp „Eko“. Es war nach der Tankstelle benannt, an der es sich bildete. Nun ist es geräumt. Eine Würdigung.

In der kleinen griechischen Stadt Polykastro, nahe der mazedonischen Grenze, stehen hunderte freiwillige Flüchtlingshelfer aus dem Großraum Thessaloniki dicht beisammen. Ihr Treffpunkt: das Park-Hotel an der Autobahnabfahrt. Am Hotel finden die meisten Meetings zu den umliegenden, wilden Camps statt, also den nicht staatlich organisierten Lagern. Die Helfer diskutieren, tauschen Informationen aus: Was wird gebraucht? Was passiert gerade? Was könnte bald passieren?

Nahe der Autobahn von Thessaloniki zur Grenze liegt das Eko-Camp. Auf den ersten Blick erscheint es als unwirtlicher Ort, an den niemand jemals zurückkehrt. Als hoffnungslos verlorener, vergessener Platz, den keiner liebt. Eko, benannt nach der Tankstelle am Gelände, ist eines der vielen eher zufälligen und aus der Not entstandenen Camps. Hier dürfen Geflüchtete mangels Alternativen leben.

Eko Camp Idomeni Flugplatz Moritz Rentzsch

Viele Kinder fanden Platz im Lager. Bild: Rentzsch

Das Areal bietet Platz für mehr als 2000 Menschen, die meisten Kurden und Syrer. Direkt an einer schwach befahrenen Schnellstraße, sind es weniger als 25 Kilometer zum nördlich gelegenen Idomeni, dem bekannten, seit März geschlossenen Grenzübergang nach Mazedonien. Camp Eko entstand so: Damals, bevor Idomeni geräumt wurde, stoppten Busse mit Geflüchteten an der Tankstelle. Sie warteten, bis im eigentlichen Camp Idomeni wieder Platz für Neuankömmlinge war. Weil sich der Grenzzaun dort aber nicht mehr öffnete, entstand endgültig ein neues Camp: Eko. Und nach der Räumung des Lagers in Idomeni, die weltweit im Fernsehen zu sehen war, leben hier noch immer 2000 Frauen, Männer und Kinder.

Auch im Camp Eko verteilen die großen Organisationen UNHCR und Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) Decken, Zelte, Wasserflaschen – sowie jeweils morgens und abends trockene Sandwiches. Es gibt eine Krankenstation, die die schwersten Notfälle behandelt. Das Gelände in Eko ist erstaunlich sauber: Auf den Wegen zwischen den Zelten liegt verhältnismäßig wenig Müll, viele Putzkräfte sind tagsüber im Einsatz. Auch die aufgestellten Dixi-Toiletten sind meist sauber. Es gibt einige öffentliche Waschstationen mit Trinkwasser.

Eko Camp Idomeni Flugplatz Moritz Rentzsch

Essen machen im Eko-Camp. Bild: Rentzsch

Das Essen wird in der Küche des Camps, der „Eko-Kitchen“, zubereitet: Geflüchtete Menschen und freiwillige Helfer aus der ganzen Welt arbeiten dort eng zusammen, kochen täglich eine warme Mahlzeit für mehr als 1000 hungrige Bewohner. Die Küche finanziert sich ausschließlich über Spenden. Angestellt ist niemand, keiner verdient Geld, jeder kann helfen. Kurden, Syrer und Freiwillige schneiden morgens Berge von Zwiebeln, Tomaten, Zucchini, Auberginen, Paprika, Kartoffeln und Kohl. Im Hintergrund läuft Musik auf arabisch, kurdisch, englisch und spanisch. Getrunken wird schwarzer, sehr süßer Tee. Ex-Peschmergas aus dem benachbarten Zelt kochen den.

Gegen 14 Uhr serviert ein Koch, abwechselnd Kurde oder Syrer, die Suppe in großen Papp-Bechern. Die Geflüchteten stehen in einer langen Reihe und erhalten ihre Portion. Dazu gibt es zwei Fladenbrote und ein hart gekochtes Ei. Nachdem die Mahlzeiten ausgegeben sind, wird die Küche geputzt und die Töpfe gespült – allerdings ohne fließendes Wasser.

Auch eine Energieversorgung gibt es nicht wirklich. Die Musikanlage und die Handys ziehen ihren Strom aus einer gekaperten Straßenlaterne. Die Elektrizität reicht aber nicht für Küchengeräte. Die Helfer kochen auf Gasbrennern, einen Kühlschrank gibt es nicht. Dennoch: Die Stimmung in der Eko-Kitchen ist oft ausgelassen. Die Küche ist nämlich mehr als eine Essensstation: Hier schließen Menschen Freundschaften und schmieden Pläne für ihre Zukunft.

Warum die Arbeit der vielen Freiwilligen wichtig ist, wird deutlich, wenn man Eko mit dem daneben gelegenen, offiziellen und staatlichen Camp Nea Kavala vergleicht. Nea Kavala liegt auf einer ehemaligen Flugzeuglandebahn. Geordnet stehen die weißen Zelte in vier Reihen, im Camp herrscht Stille. Minutenlang ist kein Mensch zu sehen. Niemand, den Helfer anlächeln oder begrüßen können. Endlich entdecken sie zwei ältere Frauen, die im Schatten eines der Klo-Häuschen warten. Sie fragen nach Milch für Säuglinge, die den Camp-Autoritäten ausgegangen ist.

Ganz anders die Atmosphäre im Eko: Trotz des schrecklichen Hintergrunds herrschen im inoffiziellen Camp oft Leben und Freude. Die Menschen spielen mit Kindern Ball oder Fangen. Freiwillige organisieren Milch und Windeln für Kleinkinder, in einem Zelt dürfen die ganz Kleinen mit der Begleitung ihrer Mütter ungestört und sicher spielen. Die älteren Kinder und jungen Erwachsenen werden in einer Schule täglich in Englisch, Mathe und Arabisch unterrichtet.

Das Camp wird immer wieder von Clowns und Musikern besucht, die auf einem größeren Platz Programm machen. In einem Kindergartenzelt wird gemalt und gebastelt, es gibt ein Volleyball-Netz, die Frauen und Männer spielen Frisbee oder Fußball. Überall hört man Musik aus Lautsprechern oder live – sogar einen Radiosender gibt es, der aus der Mitte des Camps überträgt. Am Abend werden Open-Air-Filme gezeigt. Alles wird durch Spenden ermöglicht und steht jedem frei zur Verfügung. Die bunten Zelte stehen ungeordnet und willkürlich verteilt. Viele haben Über- oder Vorzelte aus zusammengenähten Decken und Baumstämmen. Am Abend halten sich die Menschen am kleinen Finger und tanzen in großen Kreisen.

Und dennoch: Die Stimmung täuscht. Es wäre falsch zu glauben, den Menschen ginge es wirklich gut. Oberflächlich betrachtet erscheint Eko beinahe als Sommercamp, in dem jeder gerne über einen absehbaren Zeitraum bleiben kann. Kratzt man jedoch an der dünnen Schicht der errichteten Normalität, die das Camp schützt, zerfällt sie: Hier leben Kinder, die im Krieg aufgewachsen sind und ihm noch nicht entkommen sind. Die niemals eine Tür geschlossen haben oder ein richtiges Dach über dem Kopf hatten. Hier leben Teenager, die sich Freiwillige als Ersatzeltern suchen, weil Angehörige tot oder traumatisiert sind. Hier leben junge Erwachsene, die im Krieg kämpften und Kameraden verloren haben. Über Whatsapp und Facebook sehen sie weiterhin Bilder von sterbenden Angehörigen.

In Eko leben Eltern, die ihren Kindern keine Zukunft bieten können, weil sie seit Jahren auf der Flucht sind. Sie müssen befürchten, noch weitere Jahre untätig in Griechenland zu verbringen. Auf großen Fernsehern vor der Tankstelle erleben sie, wie ihre Heimatstädte zerbombt werden, wie ihre Nachbarschaft zerfällt und die Region weiter im Krieg versinkt. Hier leben Menschen, die keine Zukunft und Perspektive sehen. Die trotzdem lächeln und Hoffnung haben.

IMG-20160623-WA0003Nun wurde Eko geräumt. An einem  frühen Morgen erscheinen während des Ramadan-Monats viele Polizisten im Camp. Man fordert die Bewohner auf, ihr letztes Hab und Gut zusammenzupacken und in bereits wartende Busse einzusteigen. Erneut und zum wiederholten Mal verlieren sie ein zuhause. Erneut und zum Wiederholten Mal müssen sich alle einer neuen Situation anpassen. Keiner kann sich gegen die ungeheure Masse wehren, sich wiedersetzen. Während die Camp-Bewohner in die Busse verladen werden machen einige der Freiwilligen Bilder von der ungeheuerlichen Situation. Sie werden verhaftet. Das Verhaften der Freiwilligen hat Methode: Den Geflüchteten demonstriert man damit Staatsgewalt. Es wird noch deutlicher gemacht, dass Wiederstand gegen die anstehende Deportation zwecklos ist. Den Freiwilligen wird ihr Unerwünschtsein gespiegelt – es wird auch ihnen das Machtverhältnis aufgezeigt.

In nur wenigen Stunden ist das ehemals lebendige Camp verschwunden. Was übrig bleibt, ist ein Haufen Müll. Kleine Zelte werden nicht wiederverwendet, die Reinigung ist zu teuer, Decken werden nicht gewaschen, sondern weggeworfen, auch hier stehen Neu-Produktion und Recycling finanziell nicht ansatzweise in Relation zueinander.

Die Küche müssen die Helfer IMG-20160623-WA0004abbauen, sie findet in einem angemieteten Container Platz.
Die Geflüchteten bringt man in nahezu unvorbereitete, leerstehende Fabrik-Gebäude der Region Thessaloniki. In diesen wurden Zelte aufgebaut, um Menschen zu beherbergen. Die  Busse werden bei der Ankunft von griechischen Neo-Nazis erwartet: Sie provozieren die Deportierten – unter ihnen sind nach wie vor viele Kinder-, skandieren ihre rechten Parolen und werfen mit Steinen.

In den ersten Tagen können die Geflüchteten den Ramadan nicht fortsetzen: Zu schlecht werden sie im neuen, trist-weißen Gefängnis mit Lebensmitteln versorgt. Anfangs ist nicht klar, ob weiterhin Freiwillig ins Camp zum Helfen dürfen. Erst seit einigen Tagen darf die ehemalige Eko-Kitchen – freiwillig organisiert und kostenlos – wieder alle mit Essen versorgen.
In den neuen Camps müssen die Geflüchteten wohl die nächsten drei Jahre ihres weiteren Lebens verbringen. Schneller kann man ihnen vermutlich nicht helfen.

Moritz Rentzsch, Flugplatz PrivatbildMoritz Rentzsch, 21, schreibt seit Jahren für den FLUGPLATZ. Er hat die Freie Waldorfschule in Tübingen besucht und beginnt im Winter ein Studium. Sein Honorar für diesen Text spendet Moritz an Camp-Aktive in Griechenland.

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