Besuch im Flüchtlings-Camp Vassilika: Es ist noch lange nicht vorbei

Von am
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Flüchtlinge in Griechenland Bild: Hassan Mohep Alden

Mitte Juni räumten griechische Polizei-Beamte das Eko Camp für Geflüchtete in der griechischen Region Thessaloniki (wir berichteten). Es war eines der Zusatz-Camps vor Idomeni, dort lebten etwa 2000 Syrer und Kurden. Eko war ein wildes, illegales und unabhängig organisiertes Hilfs-Camp. Eko war frei, bunt und liebenswert. Volunteers aus der ganzen Welt hatten sich zusammengefunden um gemeinsam zu helfen, um gemeinsam Gutes zu erreichen.

Eko stellte eine unabhängige Alternative zu den grau-öden, tristen staatlich organisierten Lagern dar. Jeder war im Camp mehr als willkommen, jeder konnte frei und unabhängig helfen. Es gab keine Regeln oder Verpflichtungen. Bildung, Aktivitäten wie Kino und Fußball, Essen und Trinken, Zelte und Decken, das Leben, alles war frei zugänglich und ausreichend vorhanden. Meine Meinung: Weil Eko zu gut funktionierte, aufzeigte, was möglich ist, wenn Freund helfen, wurde es geräumt.

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Flüchtlinge in Griechenland. Bild: Hassan Mohep Alden

So lief die Räumung: Am frühen Morgen erscheinen während des Ramadan-Monats viele Riot-Polizisten im Camp, man fordert die Bewohner auf ihr letztes Hab- und Gut zusammenzupacken und in bereits wartende Busse einzusteigen. Erneut und zum wiederholten Mal verlieren sie ihr zuhause. Erneut und zum Wiederholten Mal müssen sich alle einer neuen Situation anpassen. Keiner kann sich gegen die ungeheure Staats-Masse wehren, sich wiedersetzen. Während die Camp-Bewohner in die Busse verladen werden machen einige der Freiwilligen Bilder von der ungeheuerlichen Situation. Sie werden verhaftet.

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Flüchtlinge in Griechenland. Bild: Hassan Mohep Alden


In nur wenigen Stunden ist das ehemals lebendige Camp verschwunden. Was übrig bleibt ist ein Haufen Müll. Kleine Zelte werden nicht wiederverwendet, die Reinigung ist zu teuer, Decken werden nicht gewaschen, sondern weggeschmissen, auch hier stehen neu-Produktion und Recycling finanziell nicht ansatzweise in Relation zueinander.
Die mit den Deportierten vor dem neuen Camp Vassilika ankommenden Busse erwarteten Rassisten. Diese provozierten die wieder Vertriebenen –unter ihnen sind nach wie vor viele Kinder-, skandierten rechte Parolen und warfen mit Steinen.

 

Flüchtlinge in Griechenland.  Bild: Hassan Mohep Alden

Flüchtlinge in Griechenland.
Bild: Hassan Mohep Alden

Die Geflüchteten werden in eine nahezu unvorbereitete und heruntergekommene Ex-Hühner-Fabrik der Region Thessaloniki untergebracht. In den ehemaligen Huhn-Hangars (Riesige Hallen in denen Flugzeuge Platz fänden) stellte das Militär Zelte um die Vertriebenen zu beherbergen.
Die Nationalitäten im Camp Vassilika sind getrennt, es gibt es sowohl Kurdische als auch Syrische  Hangars. Viele der eigentlich knapp 2000 Ex-Eko Bewohner verschwanden noch vor der Deportation. Großteils in andere staatliche Camps, wo Freunde oder Fmilie leben, aber auch nach Mazedonien, oder in die Türkei. In Vassilika leben etwa 1200 Vertriebene.
Bevor die Grenzen geschlossen wurden, Fliehende aus Kriesengebieten also noch ankommen durften, machten sich die stärksten, zumeist die Familienväter, oder jung Söhne auf den Weg nach Europa. Sie alle sind angekommen und bewerben sich auf Asyl. Plan vieler Familien war es durch den Familiennachzug den jüngeren Kindern und Frauen die gefährliche Flucht zu ersparen und gemeinsam im frei gewählten Neu-Land eine Existenz aufzubauen. Als klar wurde, dass Familiennachzug keine Option ist, da zuständige Behörden aufgrund von Überlastung viel zu langsam arbeiteten, machten sich Frauen und Kinder auf den Weg. Etwa zeitgleich schlossen die Grenzen.
Im Camp Vassilik leben deshalb 600 komplett unschuldige und unbeteiligte Kinder. Sie werden in Griechischen Camps festgehalten, ohne Chance auf Bildung und ohne Zukunftsoption. Für lang Zeit abgehängt von tatsächlichem Leben und ohne Idee von Kindheit.

 

Flüchtlinge in Griechenland.  Bild: Hassan Mohep Alden

Flüchtlinge in Griechenland.
Bild: Hassan Mohep Alden

Es ist pervers, dass Freiwillige aus aller Welt nach Griechenland fliegen um dort Menschen zu helfen, deren sehnlichster Wunsch es ist in den Heimatländern der Volunteers anzukommen.
Trotzdem ist es wichtig unabhängig und freiwillig zu helfen. Zu zeigen, dass ich mich kümmere, mich interessiere und nicht wegschaue. Nicht nur weil Freiwillige kochen, Schulen bauen, mit Kindern spielen,… sind sie wichtig. All diese Aufgaben können und werden genauso gut von Geflüchteten im Camp ausgefüllt. Viel mehr die Idee, das so wahnsinnig viele jungen Menschen im Krisengebiet zu Freunden werden verändert massiv. Geflüchtete, als auch Freiwillige.
Passiert man den Polizei  Wachposten am Eingang des Camps steht man auf einem weiten Vorplatz, der mit kleineren hellen Steinen ausgelegt ist. Sie reflektieren die Sonne, es ist schwer die Augen offen zu halten. Zur Rechten Seite befinden sich die offenen Eingänge der Hangars mit riesigen grün-rostigen Schiebe-Türen, die niemals geschlossen sind. Jeder Hangar ist etwa 50 Meter breit, vielleicht 150 Meter lang. In den großen Hallen baute das Militär auf dem asphaltierten Boden ehemals hartweiße Zelte auf, welche durch den vielen Staub und Dreck bereits angegraut sind. Alles drängt sich dicht an dicht: Zwischen den einzelnen Stoffwänden bleiben höchstens 50 cm Platz. An Privatsphäre ist nicht zu denken.

 

Flüchtlinge in Griechenland.  Bild: Hassan Mohep Alden

Flüchtlinge in Griechenland.
Bild: Hassan Mohep Alden

Jedes Zelt hätte ursprünglich sechs Vertriebene beherbergen sollen, glücklicherweise sind genügend Schlafplätze entstanden, sodass in jedem Zelt tatsächlich drei oder vier Menschen schlafen. Die Schlafstätten stattete das Militär mit Elektrizität aus, es sind –pro Zelt- zwei unbequeme Betten vorhanden. Dreimal am Tag verteilt ein Caterer im Camp Essen.
Im Sommer ist es in Griechenland unbeschreiblich heiß: Durch freiwilligen-Gelder konnten einige Ventilatoren gekauft werden. In sehr wenigen Zelten steht sogar ein Kühlschrank, der mit den umliegenden Nachbarn geteilt wird.
Im Camp-Vassilika sind UNHCR, Intervolve, und das griechische Militär präsent. Alle drei wollen Entscheidungen treffen und blockieren jegliche Initiative der unabhängigen Freiwilligen. Ein Großteil der ehemaligen EKO-Volunteers, Menschen, die Helfen zu ihrem Lebensmittelpunk machten, bekommen keine Erlaubnis im Camp zu sein.

 

Flüchtlinge in Griechenland.  Bild: Hassan Mohep Alden

Flüchtlinge in Griechenland.
Bild: Hassan Mohep Alden

Durch das Blockieren der Initiativen haben die Geflüchteten und Helfer keine Möglichkeit mehr gemeinsam Gutes zu erreichen. Keiner weiß etwas mit seiner Zeit anzufangen. Man wartet: Auf Essen, das der Caterer liefert, das keiner verträgt, da es Bauchschmerzen verursacht, man trinkt Tee beim Nachbarn, schläft im unbequemen Bett bis die Rückenschmerzen nicht mehr auszuhalten sind, steht auf um kalt zu duschen, oder geht auf eine in der Sonne aufgestellte stinkende Dixi-Toilette.
Es gäbe so viele Möglichkeiten das Camp zu verändern: Eine Küche kann errichtet werden um alle 1200 Menschen mit gutem gesunden essen zu versorgen und Geflüchteten das kochen zu ermöglichen. Eine Schule wäre vorhanden in der Vertriebene zugleich Lehrer und lernende sind. Bildung ist für alle 600 Camp-Kinder wichtig und bringt Ablenkung und Struktur. Ein Tee-Zelt soll aufgebaut werden, ein Kindergarten kann entstehen, ein sicherer Platz für Kleinkinder und Mütter, ein Kino errichtet werden. Selbst Bücher für eine Bibliothek sind vorhanden. Und noch mehr Initiativen sind denkbar. So wollen englische Universitäten Fernstudiengänge  per Computer für Ex-Studenten anbieten.

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Flüchtlinge in Griechenland. Bild: Hassan Mohep Alden

All diese Ideen scheitern nicht an den Menschen, die es braucht um sie zu verwirklichen und sie scheitern nicht an Geld. Es fehlt die Erlaubnis zu helfen, ein einfaches Stück Papier. Seit knapp zwei Monaten warten Freiwillige und Geflüchtete auf Veränderung, führen Gespräche, reichen Vorschläge ein und warten.
Deshalb haben sich die Projekte entschlossen zu handeln, die Blockade zu durchbrechen: Darf keine der Initiativen ins Camp, bleibt nichts anderes übrig als außerhalb und privat etwas Lebenswertes zu schaffen. Gemeinsam mieten Freiwillige Land und bauen all das, was durch die Räumung zerstört wurde erneut auf. Endlich entsteht Gutes. Die wider entstehenden Initiativen finanzieren sich ausschließlich durch Spendengelder aus der ganzen Welt. Jeder arbeitet freiwillig und umsonst. Die Volunteers sind unabhängig und glücklich helfen zu dürfen.
Projekte sind teilweise teuer, auch der Wiederaufbau kostet viel Geld. Deshalb brauchen sie mehr denn je Finanzielle Unterstützung um auf lange Sicht zu wirken.


Spenden kann jeder unter https://chuffed.org/project/eko-kitchen-fund.

Es fotografierte Hassan Mohep Alden, ein 24 jähriger Geflüchteter aus Syrien, Homs. Bis vor fünf Jahren studierte er Bau-Ingenieurs-Wesen, seitdem ist er auf der Flucht. Hassan begann mit dem Fotografieren um auf die Situation der Geflüchteten aufmerksam zu machen. Jedes Bild versieht er mit seiner Zeltnummer (2B5) um die Menschen daran zu erinnern, darauf aufmerksam zu machen, dass Geflüchtete mehr sind als Zalen. Noch mehr Bilder hat er auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht: Zu finden unter Hassan alhomse.

Moritz Rentzsch, 21, schreibt seit Jahren für den FLUGPLATZ. Er hat die Freie Waldorfschule in Tübingen besucht und beginnt im Winter ein Studium. Sein Honorar für diesen Text spendet Moritz an Camp-Aktive in Griechenland.

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