Adrenalin als „körpereigenes Doping“

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Ellen BrölzEllen Brölz, 28, ist Neurowissenschaftlerin und Sportfanatikerin – mit FLUGPLATZ sprach sie über Action, Konzentration und das Abenteuer des Aufstehens.

FLUGPLATZ: Schön, dass Du gekommen bist! Ellen, ist es richtig, dass Du viel Sport machst?
ELLEN BRÖLZ: Danke, dass ihr mich eingeladen habt!Ja, das stimmt. Ich mache Kraftsport, Crossfit, Extremhindernislauf und Wintersport.

Wow! Das heißt, dass Du ständig mit Adrenalin zu tun hast?
(Lacht) Ja, vor allem beim Extremhindernislauf und bei Skitouren im Winter komme ich oft in brenzlige Situationen. Da wird dann Adrenalin ausgeschüttet.

Ziemlich das Gegenteil von einer Meditation also. Adrenalin wird in brenzligen Situationen ausgeschüttet…
Richtig. Speziell in Gefahrensituationen versucht der Körper, alle seine Ressourcen so schnell wie möglich abzurufen. Die Pupillen werden erweitert, die Muskulatur wird stärker durchblutet, und Fettsäuren werden freigesetzt, um Energie zu bekommen. Das Adrenalin wird von der Nebennierenrinde ausgeschüttet und im ganzen Körper über die Blutbahn verteilt. Damit bekommen alle Organe die Nachricht, dass sie nun aktiv werden müssen.

Macht es leistungsfähiger?
Definitiv. Das Adrenalin ist sozusagen das körpereigene Doping. Sportlern kommen Stresssituationen zugute, um bessere Leistungen zu erzielen.

Kann Adrenalin den Menschen nicht auch hemmen?
Tiere wie Ratten oder Mäuse erstarren, sobald sie Angst bekommen. Beim Menschen zieht das aber fast immer eine Reaktion nach sich.

Kann Adrenalin dem Menschen gefährlich werden?
Nun, steht jemand unter Dauerstress, dann besteht eine Daueraktivierung. Der Körper stößt dauerhaft Adrenalin aus. Er reagiert, als sei er in einer Gefahrensituation. Das ist problematisch. Im Bereich des Sports hat der Körper jedoch die Chance, damit umzugehen und das ausgeschüttete Adrenalin wieder abzubauen.

Atem oder Action?

Atem oder Action?

Kann man sich an das Ausschütten von Adrenalin gewöhnen?
Je nachdem natürlich, was jemand als Gefahrensituation wahrnimmt. Ich glaube, der Körper kann eine gewisse Toleranz aufbauen. Wenn man beispielsweise zum tausendsten Mal Fallschirm springt, dann ist das natürlich eine ganz andere Adrenalinausschüttung, als wenn Du zum ersten Mal dort oben stehst und höllisch Angst hast.

Durch die Medien wandert oft der Begriff „Adrenalinjunkies“. Kann Adrenalin süchtig machen?
Dazu kenne ich keine Studien. Ich denke aber, dass beim Ausschütten von Adrenalin eine Art „Highgefühl“ entsteht. Jemand, der einmal dieses Adrenalingefühl erlebt hat, möchte das natürlich immer wieder erleben. Ich glaube jedoch, dass es sich hierbei um eine psychische und keine körperliche Abhängigkeit wie bei Alkohol oder Drogen handelt.

Nun wissen wir schon, wie der Körper reagiert, wenn er in brenzlige Situationen gerät. Was passiert aber, wenn er zur Ruhe kommt? Zum Beispiel bei der Meditation?
Beim Meditieren kommt es unter anderem zur Serotoninausschüttung. Der Körper fährt sozusagen runter. Störende Gehirnprozesse werden quasi abgeschaltet. Dadurch wird man wird ruhiger.

Zurück zum Adrenalin: Es scheint ein Teil unseres Lebens zu sein. Könnten wir ohne Adrenalin überhaupt leben?
Nehmen wir einfach mal Treppensteigen als Beispiel. Die Herzfrequenz geht etwas hoch, man fängt leicht an zu schwitzen, die Muskulatur muss durchblutet werden. Sogar beim Aufstehen wird sehr gering Adrenalin ausgeschüttet. Die Ausschüttungen von Adrenalin und Serotonin erfolgt also stetig, ohne dass wir Einfluss darauf haben.

Das Interview führte Tim Rösler, 19, der in der Schule stets Biologiemuffel war. Im Gespräch mit Ellen regte sich jedoch großes Interesse für das komplexe Thema.

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Tim Rösler

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