„A Tunisian Girl“ – Wie das Internet erstmals ein ganzes Land in Bewegung setzte

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Lina Ben Mhenni Bild: Ullstein-Verlag / Corbis

Mit ihrem Blog „A Tunisian Girl“ erreichte Lina Ben Mhenni weltweit Aufmerksamkeit. Sie ist eine der zahlreichen Cyberaktivisten und -aktivistinnen, die maßgeblich zu dem Fall des diktatorischen Regimes von Zine el-Abidine Ben Ali in Tunesien beitrugen.

 

 


In ihrer Streitschrift mit dem Titel „Vernetzt euch!“ schildert sie ihre Rolle als Bloggerin vor und während der Revolution. Gleichzeitig ruft sie dazu auf, sich zu vernetzen – und das Internet zu nutzen, um gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit vorzugehen.

Chronologisch rekonstruiert Lina Ben Mhenni die Geschehnisse bis hin zu Ben Ali‘s Rücktritt, wie sie sie mit ihren Freunden erlebt hat: „Das Netz ist auch ein unvergleichliches Mittel der Mobilisierung: es überwindet sämtliche Schranken, Zäune und Mauern, Verbote und Grenzen, Parteizugehörigkeiten und sogar individuelle Hemmungen.“

Alles fing mit einem einfachen Tagebuch-Blog an, in dem sie über alles Mögliche sprach, was ihr auf dem Herzen lag. Dazu gehörten unter anderem auch soziale Ungerechtigkeit und menschliches Fehlverhalten. Über das Internet und Facebook knüpfte Lina schließlich auch ihre ersten Kontakte zu Menschenrechtsaktivisten und Mitgliedern der Oppositionspartei: „Das Netz ist so mächtig, weil es unmittelbar reagieren und unbegrenzt viele Menschen miteinander verbinden kann.“

Durch das Netz stellte Lina Verbindungen zwischen Anwälten und Bloggern her, sie mobilisierte tausende Mitstreiter und organisierte Demonstrationen und Flashmobs. Während einer Großdemonstration riefen Lina und ihre Freunde über mobile Internet-Versionen von Twitter und Facebook zu einer Schweigeminute zum Gedenken an die jüngsten Märtyrer auf.

„Ein echter Cyberaktivist klebt beileibe nicht nur an seinem Bildschirm“, sagt Lina Ben Mhenni: „Er begibt  sich an die realen Schauplätze des Geschehens, fotografiert und filmt vor Ort, befragt Augenzeugen – und dann kehrt er an seinen Bildschirm zurück, um die Ergebnisse seiner Recherche ins Netz hochzuladen und andere daran teilhaben zu lassen.“

Bei unzähligen Demonstrationen machte Lina Fotos, drehte Videos und nahm Augenzeugenberichte auf, die sie später ins Netz stellte. So war sie anwesend bei der Vertreibung von Bewohnern aus ihren Wohnungen, begleitete den Hungerstreik einiger Studenten, die gegen ihren Ausschluss von der Universität aufgrund ihrer Tätigkeiten bei der tunesischen Studentengewerkschaft protestierten, besuchte die Eltern eines Märtyrers, und war als eine der ersten der Ort, an dem sich Sidi Bouzid selbst verbrannte: „Wie weit wir doch gekommen waren, mit unseren Bildschirmen, Blogs und sozialen Netzwerken als einzige Waffen!“

Der Kampf zu Anfang noch einiger weniger Tunesier internationalisierte sich; alle Welt richtete schließlich die Augen auf die Aktionen von Lina Ben Mhenni, ihren Freunden und anderen Cyberaktivisten und -aktivistinnen. „Anonymous“, ein internationales Hacker-Kollektiv,  gelang es, Regierungswebseiten zum Absturz zu bringen, nachdem diese die öffentliche Warnung vor weiteren Verletzungen der Meinungsfreiheit ignorierte. Mit Hilfe des Netzes änderte ein Volk schließlich den Lauf der Geschichte.

Lina Ben Mhenni erfuhr immer wieder Zensur, wurde verfolgt, abgehört, Freunde von ihr wurden verschleppt und entführt, ihr wurde der Lohn verweigert um sie zum Schweigen zu bringen. Bei ihr zu Hause brach man ein und klaute Laptops, Festplatten und Kameras. Doch sie machte immer weiter, denn sie hatte das Ziel, die Gräueltaten öffentlich zu machen, die Ben Ali und seine Regierung zu verantworten hatten.

In ihrer Streitschrift schildert sie, wie Menschen aus verschiedensten sozialen Schichten sich vereinen, wie eine Anwältin und ein Prostituierte gemeinsam für das eine Ziel kämpfen, und Frauen in traditionellen Gewändern plötzlich ihre Stimmen erheben.

Lina Ben Mhenni ruft Menschen dazu auf, ihre Träume, die Welt zu verändern, zu verfolgen, sich  zu vernetzen, sich auszutauschen, Informationen in den Umlauf zu bringen, um Unrecht öffentlich zu machen und das Internet mit seinen Möglichkeiten eine direkte, bürgernahe Demokratie zu nutzen. Sie setzt sich außerdem für freien Internetzugang für Jeden und gegen Zensur ein.

Die deutsche Version der original auf Französisch erschienenen Streitschrift „Vernetzt euch!“ von Lina Ben Mhenni erschien 2011 im Ullstein Verlag.

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