1914, 2014: Über die Ursachen des Ersten Weltkriegs

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Christopher Clark. Bild: Franke

Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“ sorgte für einige Diskussion unter den Historikern. In Deutschland wurde es teilweise gefeiert, weil es die Hauptkriegsschuld der Deutschen am Ersten Weltkrieg in Frage stellt, in Serbien hingegen kritisiert, weil es den Serben den schwarzen Peter zuspiele. Doch an Schuldfragen war Christopher Clark nach eigener Aussage am  Montag bei einer Veranstaltung im Tübinger Sparkassen Carre nicht so sehr interessiert.

„Nicht die Frage ,Wer ist verantwortlich?‘ sondern die Frage ,Wie kam der Krieg zustande?‘ bewegte mich“, erklärt Clark dem Publikum und Moderator Hans-Joachim Lang vom TAGBLATT. Die Veranstaltung aus der Reihe „Osiander im Carre“ ist ausverkauft. Gespannt hört das Publikum zu. Clark ist 1960 in Sydney geboren. Ob da in der Schule der erste Weltkrieg präsent gewesen sei, will Lang von seinem Gegenüber wissen.

„Natürlich!“, bestätigt Clark. Am 11. November habe es jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung gegeben. In Reih‘ und Glied wie Soldaten hätten sie als Schüler gestanden, es sei heiß gewesen, Schüler seien in Ohnmacht gefallen. Bei eben so einer Veranstaltung fragte Clark als kleiner Junge einen Lehrer, warum die Australier im ersten Weltkrieg gekämpft hätten. Eine Antwort habe er damals nicht erhalten. Im Gegenteil, der Lehrer sei wütend auf ihn gewesen.

1979 bis 1985 studierte Clark in Sydney. Dann führte ihn sein Weg nach Berlin. Und das sei so gekommen: Er hätte eine deutsche Frau kennengelernt und dann „habe ich sie geheiratet oder sie hat mich geheiratet oder wir haben geheiratet“, erklärt Clark mit einem verschmitzten Lächeln. Berlin habe sein Interesse an Preußen geweckt. West-Berlin sei so westlich, partymäßig, Preußen sei kaum spürbar gewesen. In Ost-Berlin dagegen hätte er sich zurückversetzt gefühlt ins alte Preußen. Wie sei dann Clarks Interesse am ersten Weltkrieg entstanden, hakt Lang nach. Da müsse er wieder zurück, sagt der Historiker. Das sei in seiner Jugend gewesen. Im Geschichtsunterricht. Der Geschichtslehrer hätte seinen Schülern eingebläut: In der Prüfung bei einer Frage nach dem ersten Weltkrieg die fünf Punkte der Deutschen zu wissen.

Daraufhin habe Clark seinen Lehrer gefragt: „Warum haben die Russen aber als erstes mobilisiert?“ Als Antwort erhielt er: Weil die Russen langsamer gewesen seien. Die Antwort habe ihn nicht befriedigt. Die Entscheidung, ein Buch über den ersten Weltkrieg zu schreiben, hätte er später getroffen. Nach einem Streitgespräch mit einem guten Freund im Zug nach Rumänien. Für die Arbeit an seinem Buch stürzte sich Clark auf die Sekundärliteratur, stöberte in den Archiven aller beteiligten Staaten– unter anderem auch im Stuttgarter Staatsarchiv – und versuchte, auf dieser Basis den Ersten Weltkrieg von allen Seiten zu beleuchten. „Ein Ozean an Quellen“ nennt er die vielen, vielen Bücher, Texte, Aussage, die er im Laufe dieses Buchprojekts durchsah. Mehrmals sei er verzweifelt gewesen. Der Erste Weltkrieg sei komplex. Vielleicht das komplexeste Vorkommnis in der Geschichte. Der Erste Weltkrieg sei wie „dreidimensionaler Schach“.

Clark’s „Die Schlafwandler“ beginnt mit einem Königsmord. Aber halt nicht mit dem Attentat von Sarajevo, sondern mit der Ermordung des serbischen Königspaares Obrenovic im Jahre 1903 – laut Clark ein zentraler Punkt in der serbischen Geschichte. Aus der Offiziersgarde, die die Ermordung 1903 plante und durchführte, sei später die „Schwarzen Hand“ entstanden. Die „Schwarze Hand“ führte am 28. Juni 1914 das Attentat auf den Österreichisch-Ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Gemahlin durch. Clark misst dem Balkan allgemein eine hohe Bedeutung bei: In der Literatur sei der Balkan ausgeklammert, das Attentat von Sarajevo als Bagatelle behandelt worden. Dem möchte Clark entgegensteuern.

Aber Clark beschäftigt sich nicht nur mit dem Balkan. Jedem beteiligten Staat widmet er Seiten in seinem Buch. Allein mit der Außenpolitik aller europäischen Staaten beschäftigt sich Clark in einem fast 100-seitigen Kapitel. Teilweise habe es da keine Linie gegeben, weil so viele an der Außenpolitik beteiligt waren. Frankreich etwa hatte in den zwanzig Jahren vor dem ersten Weltkrieg 17 Außenminister. Diese kamen und gingen, weil sie intern angefeindet wurden. Auf britischer Seite habe sich Außenminister Grey dagegen viel lieber mit Vögeln und Fischen beschäftigt als mit Politik. Grey konnte keine Fremdsprachen und reiste ungern – keine idealen Eigenschaften für einen Außenminister.

Clark ist ein Meister im Beschreiben von Charakteren. Anhand von Anekdoten und Begebenheiten stellt Clark die Hauptakteure des Ersten Weltkrieges dar. „Die Schlafwandler“ ist zwar ein wissenschaftliches Buch, doch teilweise liest es sich wie ein Politkrimi. Auch für Menschen, die nicht Geschichte studiert haben, ist das Buch daher sehr empfehlswert. Das Buch sei auch als Warnung gedacht: Der Erste Weltkrieg sei eine europäische Katastrophe, die hätte verhindert werden können. Nun nehmen wir die Warnung, die der Erste Weltkrieg ausspricht, ernst und versuchen zu verhindern, dass die Welt nicht erneut in einen Weltkrieg schlafwandelt.

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Ruth Juraschitz

Langsam zähle ich beim Flugplatz doch zu den alten Hasen. Schließlich bin ich seit 2010 dabei. Ich bin 21 Jahre alt, habe 2012 Abitur gemacht und ich liebe es zu schreiben. Deswegen bin ich ja auch beim Flugplatz gelandet.

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